| Herr Botschafter Wu Hongbo beantwortet Fragen von den deutschen Hörern beim CRI-Hörertreffen in der chinesischen Botschaft |
| 2009/11/09 |
Abend am 20. Oktober veranstalteten die chinesische Botschaft und Radio China International (CRI) gemeinsam in der Botschaft ein Hörertreffen, wobei die Fragen der deutschen Hörer ausführlich von Herrn Botschafter Wu Hongbo beantwortet wurden. Zu Ihrer Information veröffentlichen wir die interessanten Fragen und Antworten im Wortlaut. Hörer: Die deutsche Redaktion von CRI ist ziemlich engagiert, als deren Hörer haben wir viel profitiert. CRI ist eine Rundfunkanstalt, die mit vielfältiger Fremdsprachen weltweit ausstrahlt. Gehört deren Tätigkeit auch zum Bestandteil der Außenpolitik und der auswärtigen Kulturpolitik der VR China? Wu: Danke für Ihre interessante Frage. Soviel ich weiß, ist CRI der mit den meisten Sprachen ausgestatteten Rundfunk in der ganzen Welt. Unsere Außenpolitik und auswärtige Kulturpolitik sind eng miteinander verbunden. Was für eine Welt will China sehen? Viele Freunde haben diese Frage gestellt. Wir wünschen uns eine harmonische Welt, in der alle Länder, egal groß oder klein, arm oder reich, gleichberechtigt behandelt werden und friedlich koexistieren. Was für einen Weg wird China beschreiten? Der Standpunkt der chinesischen Regierung dazu ist eindeutig: Wir beschreiten einen friedlichen Weg der Kooperation und Entwicklung. Erinnert man sich an die Vergangenheit, kann man feststellen, dass die Entwicklungswege mancher entwickelten Länder sichtbare Kennzeichen haben. Ohne Expansion des Territoriums, ohne Ausplünderung der Kolonien und ohne billige Arbeitskräfte in den Kolonien ist es sehr schwierig für manche entwickelte Länder, die jetzt bereits in die Post-Industriegesellschaft eingetreten sind, die Modernisierung innerhalb kurzer Zeit vollendet zu haben. Die Außenpolitik Chinas macht deutlich, dass sich solche Geschichte und solche Wege nie wiederholen sollen. Die Programme von CRI sind umfangreich und vielfältig, die sowohl Darstellungen über die Außenpolitik Chinas als auch über die chinesische Kultur umfassen. Bedauerlicherweise hört man hier in Deutschland bzw. in den entwickelten Ländern zu wenig Stimmen aus China. Ich hoffe, dass die Völker aller Länder auch unsere Stimmen hören können, nämlich die Stimmen des chinesischen Volkes, die 1/5 der Weltbevölkerung ausmacht. So sage ich, dass die Außenpolitik und auswärtige Kulturpolitik Chinas eng miteinander verbunden sind. Unser Ziel ist, mit allen Völkern der Welt eine harmonische Welt gemeinsam zu gestalten. Hörer: Die Volksrepublik China hat ähnliches politisches System wie das der ehemaligen Sowjetunion und der ehemaligen osteuropäischen Länder. Worin liegt es, dass dieses System in China geklappt hat, aber nicht in den obengenannten Ländern? Wu: Das ist eine ein bisschen herausfordernde Frage, die ich gerne nach meinem Wissen beantworte. In Europa einschließlich Deutschland werden China und die obengenannten Länder in der Regel in eine Kategorie klassifiziert, nämlich kommunistische Staaten oder sozialistische Staaten. Nach 1989 wurde die Sowjetunion aufgelöst, und die politischen Systeme der osteuropäischen Länder haben sich gewandelt. Aber das galt nicht China. Was war der Grund? Diese Frage interessiert viele. Kurzum mit einem Satz, China hat den eigenen Weg der Entwicklung gefunden. In diesem Jahr feiert die VR China ihr 60. Jubiläum der Gründung, und die Bundesrepublik Deutschland feiert auch das 60. Jubiläum der Inkraftsetzung des Grundgesetzes. Die Wissenschaftler beider Länder werfen einen Rückblick auf die jeweiligen beschrittenen Wege. Die vergangenen 60 Jahre Chinas können sich in zwei Teile gliedern, nämlich in zwei 30 Jahre. In den ersten 30 Jahren haben wir von zwei Ereignissen bittere Lehren gezogen. Erstens übernahmen wir blindlings das Gesellschaftssystem der Sowjetunion und lernten von ihren Erfahrungen, die sich misslungen erwiesen. Ein Beispiel dafür ist, nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Bevölkerungszahl der Sowjetunion stark ab, und so wurden Mütter, die mehr Kinder zur Welt brachten, als „Heldenmütter" gepriesen. Im Jahr 1949 unterlag China zwar auch wegen Krieg großem Bevölkerungsverlust, aber China war mit seiner 400 Millionen Bevölkerung immer noch das bevölkerungsreichste Land in der Welt. Es war ein strategischer Fehler, dass China auch mehr Kinder ermutigte. Zweitens, nachdem wir festgestellt hatten, dass der Weg von der ehemaligen Sowjetunion sowie von den osteuropäischen Ländern Sackgasse bedeutete, begannen wir nach unserem eigenen Weg zu tasten, was zur Ihnen bekannten Kulturrevolution führte. Ich glaube, die Folge der Kulturrevolution ist Ihnen wohl bekannt, die chinesische Volkswirtschaft stand am Rande des Zusammenbruchs. Hätte man das Experiment weitergemacht, wäre dessen Ergebnis unvorstellbar. 1978 sahen wir das ein und wollten einen eigenen Weg Chinas, nämlich den Weg der effizienten Entwicklung gehen, das war die Reform- und Öffnungspolitik. Wir sind der Auffassung, das Überleben und Weiterleben einer Macht oder einer Regierung hängt von den folgenden drei Bedingungen ab, nämlich ob sie Unterstützung vom Volk gewinnen kann, ob die Macht dem Volk Vorteile bringt und ob das von ihr durchgeführte Gesellschaftssystem den Gegebenheiten des Landes entspricht. Was den ersten Punkt angeht, kann man an den Olympischen Spielen letzten Jahres und der Parade anlässlich des 60. Jubiläums der Gründung der VR China erkennen, dass die jetzige chinesische Regierung von der überwiegenden Mehrheit der chinesischen Bevölkerung unterstützt wird. Zweitens, unsere Regierung bzw. unser Gesellschaftssystem haben der Bevölkerung echte Vorteile gebracht, wofür zahlreiche Beispiele gibt, die ich hier nicht aufzähle. Ein ausländischer Journalist hat gesagt, es gebe so viele Pkws in Beijing, dass die chinesische Regierung Einschränkungen für die Fahrt der Autos mit geraden und ungeraden Nummern erlassen muss, was einen großen Wandel für die chinesischen Familien darstellt, die vor Jahrzehnten noch den Kauf eines Fahrrads als Sache Nr. 1 der Familie betrachteten. Wenn man zurückblickt, stellt es sich heraus, dass unser Gesellschaftssystem den Gegebenheiten Chinas entspricht. Wir haben in den kurzen 60 Jahren einen Weg hinter uns gelegt, wofür die europäischen Länder 200 Jahre gebraucht haben. So bin ich der Meinung, dass der Sozialismus chinesischer Prägung weder dem Sozialismus der ehemaligen Sowjetunion bzw. der osteuropäischen Länder noch den Ansichten der SPD Deutschlands gleicht. Wenn man die Geschichte der Entwicklung der Menschheit betrachtet, kann man feststellen, dass es ein erschütterndes Ereignis ist, dass 1/5 der Weltbevölkerung, was der Gesamtzahl der Bevölkerung aller entwickelten Länder entspricht oder sie sogar übertrifft, gleichzeitig auf den Weg der Modernisierung geht. Ich finde es ganz normal, wenn man es nicht begreifen kann. Denn China führt gerade eine großartige Revolution und ein großes Experiment durch, wofür man keinen Präzedenzfall in den bestehenden Lexikons über politische Ökonomie und Soziologie finden kann. Herr Botschafter Wu und Herr Lehmann, Vertreter der CRI-Hörer Hörer: Herr Botschafter, ich war im April und im Mai in China, habe während dem Besuch viele interessante Erlebnisse, die meine voherigen Vorurteile geändert haben. Früher glaubte ich, dass die Chinesen sehr ernst waren. Aber ich habe herausgefunden, dass sie sehr aufgeschlossen und lebhaft sind, egal auf den Flughäfen, in den Restaurants oder in den großen Hotels. Mit Erstaunen bemerkte ich, dass sie sich viel mit Aufforstung beschäftigen, an den Straßen, im Stadtpark oder an den Highways in Shanghai. Aber es stört mich, dass man in China, z.B. in den Kiosks auf den Straßen „China Daily" nicht verschaffen kann. Aber später konnte ich in den Hotels und auf den Flughäfen kaufen. Ich finde, das ist eine sehr gute Zeitung, ich habe sie ganz genau gelesen. Kann China nicht eine Lösung finden, die den ausländischen Touristen den Kauf dieser Zeitung erleichtert? Wu: Danke für Ihre interessante Bemerkung über Ihre China-Reise. Die Chinesen sind in der Tat sehr humorvoll und streitlustig. Manche sagen, in der Öffentlichkeit kommen die Lärmenden aus den USA, und die noch stärkeren Lärm Machenden sind die Chinesen. Wenn Sie den Eindruck haben, dass die Chinesen, mit denen Sie umgingen, schweigsam waren, lag das sicher an der Sprache. Was die Aufforstung anbelangt, ist es kein Neues für China. Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts haben wir mit der landesweiten Aufforstung begonnen. In jedem Jahr pflanzen wir Bäume im Frühling. Eines Jahr ging ich am 1. April Bäume pflanzen, zwar ist dieser Tag ein Narrentag, aber die Bäume waren echte. Im Vergleich zu Deutschland ist die Bedeckungsrate der aufgeforsteten Fläche Chinas noch ziemlich niedrig, beträgt nur 18%. Wir bemühen uns, diesen Prozentsatz in einem Jahr oder in zwei Jahren auf 20% zu erhöhen. Die Erhöhung von 2% bedeutet eine Fläche von etwa 200 000 Quadratkilometern, was 2/3 der Gesamtfläche Deutschlands ausmacht. Das ist keine leichte Aufgabe, aber wir bemühen uns. Dass Sie „China Daily" schwer bekamen, werde ich der Zeitung ausrichten. Ich werde ihr zuerst die schlechte Nachricht mitteilen: Die Zeitung ist für die ausländischen Touristen schwer erhältlich, und dann kommt die gute Nachricht: Ausländische Touristen fordern stark auf, die Zeitung an jedem Ort, wo ausländische Touristen gelangen, zu bringen. Hörer: Herr Botschafter, was sagen Sie zum deutschen Regierungswechsel nach der Bundestagswahl, insbesondere zum neuen Außenminister? Wie schätzen Sie die Beziehungen zwischen Deutschland und China nach der Bundestagswahl ein? Wu: Ich bin am 20. August in Berlin eingetroffen, kurz vor der Bundestagswahl. Am 27. September gingen Sie zur Wahl, und ich besuchte auch ein Wahllokal, weil ich einerseits die Wahlsysteme zwischen Deutschland und den Philippinen, wo ich als Botschafter tätig war, vergleichen, und andererseits die Wahlbeteiligung beobachten wollte. An jenem Vormittag kamen weniger Leute zur Wahl, aber ein Volunteer sagte mir, die Wahlbeteiligung läge der Voraussicht nach zwischen 70% bis 80%, was durch das Endergebnis bestätigt wurde. Wir verfolgen den deutschen Regierungswechsel und schenken der Entwicklungstendenz der chinesisch-deutschen Beziehungen große Aufmerksamkeit, weil sie für unsere beiden Völker äußerst wichtig sind. Mit großem Interesse verfolgen wir auch die China-Politik sowie Asien-Politik der neuen Bundesregierung. Es ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass der chinesische Vize-Staatspräsident Xi Jinping vor der Bildung der neuen Bundesregierung als erster ausländischer Gast Deutschland bzw. Berlin besuchte. Er traf mit Herrn Bundespräsidenten Köhler, Frau Merkel, die erneut zur Bundeskanzlerin ernannt wurde, und Herrn Westerwelle als Fraktionsvorsitzenden, der zu jener Zeit noch nicht Vize-Bundeskanzler und Außenminister war, zusammen. Es ist ermutigend, dass all die deutschen Politiker die Wichtigkeit der deutsch-chinesischen Beziehungen hervorhoben. Sie seien bereit, die freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland im Rahmen der neuen Bundesregierung voranzutreiben. Die chinesische Seite hat auch konkrete Anregungen zur Verstärkung des Austauschs zwischen beiden Völkern gegeben. In den kommenden drei Jahren wird die chinesische Regierung 600 deutsche Schüler nach China zum Sommerlager einladen und 200 deutschen Lehrerinnen und Lehrern, Studentinnen und Studenten Stipendien anbieten. In diesem Jahr jährt sich das 37. Jubiläum der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen China und Deutschland. Wir haben vorgeschlagen, anlässlich des 40. Jubiläums der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen „das chinesische Kulturjahr" in Deutschland zu veranstalten. Zusammengefasst, mein Eindruck ist, die weitere Entwicklung der Beziehungen zwischen China und Deutschland ist nicht nur Konsens beider Völker und der betreffenden Parteien, sie entspricht auch den grundlegenden Interessen beider Völker. Wir schließen nicht aus, dass auch in Zukunft manche Probleme bei den chinesisch-deutschen Beziehungen auftreten werden, aber ich bin davon überzeugt, dass die Beziehungen zwischen China und Deutschland mit der herzlichen Unterstützung beider Völker einschließlich aller Anwesenden vorangehen werden. Dafür bin ich zuversichtlich. |

