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Botschafter Shi Mingde gab der Wirtschaftsmagazine ChinaContact ein Interview
2013/07/05

Am 1. Juli veröffentlicht die Wirtschaftsmagazine ChinaContact das Interview mit dem Botschafter Shi Mingde. Im folgenden das Interview im Wortlaut:

Botschafter Shi Mingde: Fakten und weniger Schlagzeilen

Mit seinem Deutschland-Besuch Ende Mai hat der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang ein deutliches Zeichen für den Willen gesetzt, die Beziehungen zu Deutschland als stärkstem EU-Land weiter zu intensivieren. Im Gespräch mit dem chinesischen Botschafter in Deutschland, Shi Mingde, erfuhr ChinaContact-Chefredakteur Peter Tichauer in Berlin welche Bedeutung Deutschland als Handelspartner für die Volksrepublik hat, wie die Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaftspolitik aussieht und welche Position China im Streit im die europäischen Anti-Dumping-Zölle einnimmt.

Herr Shi, Ministerpräsident Li Keqiang hat bei seiner ersten Auslandsreise Ende Mai Deutschland als einziges Land der Europäischen Union besucht. Wie wichtig sind für China die Beziehungen zu Deutschland?

Bei der Entscheidung, Deutschland zu besuchen, spielten sowohl die langen guten Beziehungen zwischen China und Deutschland eine Rolle als auch die Bedeutung Deutschlands in der Europäischen Union. Mit dem Besuch wurde ein Zeichen gesetzt, dass auch für die neue chinesische Regierung die Entwicklung der Zusammenarbeit mit Deutschland von hoher Bedeutung ist. Gleichzeitig aber auch die Zusammenarbeit mit Europa. Denn wir betrachten die deutsch-chinesischen Beziehungen als wichtigen Bestandteil der europäisch-chinesischen Beziehungen.

Das betrifft nicht nur die politischen, sondern auch die wirtschaftlichen Beziehungen. Li Keqiang wurde von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet. Wie schätzen Sie die Wirtschaftsbeziehungen zwischen unseren beiden Ländern ein?

Deutschland ist für China der größte europäische Handelspartner. Unser Handelsvolumen entspricht fast einem Drittel des chinesisch-europäischen und ist so groß wie das Handelsvolumen Chinas mit Frankreich, Großbritannien und Italien zusammengenommen. Heute realisieren wir im Handel an einem einzigen Tag so viel wie vor 40 Jahren im ganzen Jahr. Ähnlich sieht es bei den Investitionen aus. Ein Viertel der EU-Investitionen in China kommt aus Deutschland. Allein im vergangenen Jahr stieg das deutsche Investitionsvolumen um 29 Prozent, während die europäischen Gesamtinvestitionen um 3,5 Prozent zurückgegangen sind.

Bei dem Besuch wurden 17 Regierungsvereinbarungen und Wirtschaftsverträge im Wert von etwa sechs Milliarden Euro unterzeichnet. Das macht sehr deutlich, dass die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen eine solide materielle Grundlage haben. Und es gibt noch großes Zukunftspotenzial.

China steht vor enormen Herausforderungen in seiner Wirtschaftsentwicklung. Wo sehen Sie dieses Potenzial im Besonderen und wo kann durch die Zusammenarbeit ein Beitrag zur Lösung der chinesischen Probleme geleistet werden?

Wie Sie wissen, hat die neue Regierung eine Neuausrichtung in der Wirtschaftsstrategie beschlossen. Das Motto heißt jetzt: Qualität und Effizienz statt Quantität. Dazu sind strukturelle Reformen erforderlich. Wir setzen auf eine nachhaltige und ausgewogene Entwicklung und mehr Innovation und wollen moderne Technologien zur Herstellung energiesparender und umweltfreundlicher Produkte entwickeln. Unsere Regierungschefs haben vier Schwerpunkte für die künftige Zusammenarbeit vereinbart: Industrialisierung, Informatik, Urbanisierung und moderne Landwirtschaft. Wir bezeichnen diese Bereiche als „vier neue Modernisierungen”, die sowohl in der chinesischen Entwicklung als auch in der künftigen chinesisch-deutschen Zusammenarbeit Priorität haben. Bei der E-Mobilität, im Bereich der Ener­gieeffizienz und der Lebensmittelsicherheit verfügt Deutschland über große Stärken, von denen China in der Zusammenarbeit noch mehr profitieren möchte. Ich glaube, hier können sich künftig „made in China” und „made in Germany” ideal ergänzen.

In den Wirtschaftsbeziehungen läuft jedoch nicht alles reibungslos. Das europäische Verfahren gegen Subventionen chinesischer Solarhersteller ist ein Beispiel. Ähnliches droht in der Telekommunikation. China kündigt Gegenmaßnahmen an, etwa gegen Auto-Importe aus Europa. Die Bundeskanzlerin hat gegenüber Li Keqiang erneut betont, dass sie für Verhandlungen ist, anstatt Verfahren anzustrengen. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme in den Handelsbeziehungen?

China und Deutschland sind ja in der Welt nicht isoliert. Die Weltwirtschaft steht vor großen Problemen. Die internationale Finanzkrise und die Euro-Schuldenkrise sind noch nicht überwunden. In dieser Situation muss sich die internationale Gemeinschaft entscheiden, welche Zeichen sie für die künftige Entwicklung setzt.

Wir sind für liberalen, offenen Welthandel und fairen Wettbewerb. Das ist nicht nur für die chinesisch-deutschen und die chinesisch-europäischen Beziehungen von Bedeutung, sondern für die gesamte Welt. China und Deutschland sind sich einig, gegen jede Art von Protektionismus vorzugehen. Konkret sind wir gegen den Beschluss der Europäischen Kommission, sogenannte vorläufige Strafzölle gegen chinesische Solarhersteller zu verhängen. Und wir sind auch dagegen, dass die Kommission von sich aus Antidumping-Untersuchungen gegen chinesische Kommunikationsunternehmen eingeleitet hat. Für uns ist das ein Zeichen von Protektionismus. Auf der anderen Seite sind die Gespräche zwischen den Unternehmen und den Regierungen noch nicht abgeschlossen, so dass diese Maßnahmen die Atmosphäre nur vergiften können. Wir wollen keinen Handelskrieg, sind aber gezwungen, Gegenmaßnahmen zu treffen, wenn diese Beschlüsse umgesetzt werden.

Mit Freude haben wir zur Kenntnis genommen, dass die Bundesregierung in dieser Frage eine eindeutige Position bezogen hat. Und sie steht nicht allein da. Soweit ich weiß, haben sich 18 Regierungen aus EU-Ländern gegen die Strafzölle ausgesprochen. Und wir setzen darauf, dass die Bundesrepublik als größte europäische Volkswirtschaft ihren Einfluss in der EU geltend machen kann. Das liegt im Interesse beider Seiten und einer gesunden Entwicklung in den chinesisch-europäischen Handelsbeziehungen.

Herr Botschafter, Sie haben mit beeindruckenden Zahlen die Stärke deutscher Investoren in China dargestellt. Inzwischen wird Deutschland auch für chinesische Unternehmen ein zunehmend interessantes Investitionsziel. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme, mit denen chinesische Investoren in Deutschland konfrontiert sind?

In den vergangenen 30 Jahren gab es bei den Investitionen vor allem eine Richtung: von Deutschland nach China. Das hat sich seit drei bis vier Jahren geändert. Während deutsche Unternehmen in China bisher etwa 7.000 Investitionsvorhaben realisiert haben, sind inzwischen auch rund 2.000 chinesische Unternehmen in Deutschland aktiv. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Meldungen, in denen zuweilen nicht von chinesischen Investitionen, sondern von einer „chinesischen Invasion” oder vom „Ausverkauf an China” gesprochen wird, entbehren jeglicher Grundlage. Es lohnt sich, die Fakten genau zu betrachten. Die chinesischen Investitionen in Deutschland machen gerade einmal zehn Prozent der gesamten deutschen Investitionen in China aus und nur 0,2 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland. Von einem „Ausverkauf” kann gar nicht die Rede sein.

Ich wundere mich manchmal, dass kein Wort darüber verloren wird, wenn amerikanische, koreanische oder japanische Unternehmen in Deutschland investieren. Chinesische Investitionen sind dagegen immer große Schlagzeilen wert. Auf der anderen Seite kann ich selbstverständlich eine bestimmte Neugier verstehen, weil chinesische Unternehmen hier „Neulinge” sind.

Grundsätzlich ist es eine gesunde Entwicklung, dass die bilateralen Investitionsströme heute nicht nur eine Richtung haben. Das öffentliche Meinungsbild, das eher durch negative Berichte geprägt ist, macht das Investitionsumfeld für chinesische Firmen jedoch nicht einfach. Zudem haben die Unternehmen mit einer komplizierten Bürokratie zu kämpfen. Chinesische Unternehmer, die in Deutschland investieren wollen, müssen drei bis vier Monate, zuweilen auch ein halbes Jahr auf ein Visum warten. Umgekehrt erhalten deutsche Unternehmer bei mir in der Botschaft ihr Visum innerhalb von einer, maximal von zwei Wochen. Da wünsche ich mir mehr Erleichterungen. Es kann doch nicht sein, dass Unternehmen Anlagen liefern und die Techniker ein halbes Jahr auf ein Visum warten.

Selbstverständlich müssen sich chinesische Unternehmen besser mit der deutschen Rechtslage und mit den Steuergesetzen vertraut machen. Und es gibt Probleme, die aus der unterschiedlichen Kultur und Tradition herrühren. Wichtig ist, sich besser mit der Kultur vertraut zu machen. Kulturverständnis und die Bereitschaft, auf andere Kulturen einzugehen, sind sowohl für deutsche Unternehmen in China als auch für chinesische in Deutschland eine Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg.

Wenn es um das Image der chinesischen Unternehmen in Deutschland geht, muss selbstverständlich auch gefragt werden, was die Firmen selbst leisten, um es zu verbessern. Jetzt wurde beschlossen, eine Chinesische Handelskammer in Deutschland zu gründen, vielleicht etwas spät. Welche Bedeutung messen Sie der Kammer zu?

Die Kammer wird sowohl Interessenvertretung der Unternehmen gegen­über deutschen Regierungsstellen und Wirtschaftsorganisationen sein als auch dazu beitragen, das Image der Unternehmen in der Öffentlichkeit zu verbessern. Denn die Unternehmen leisten auch einen Beitrag für die Entwicklung in Deutschland: Sie schaffen Arbeitsplätze, tragen zum Wirtschaftswachstum in Deutschland bei, zahlen Steuern und erbringen soziale Leistungen.

Ich habe kürzlich gelesen, dass in Deutschland ein Arbeitsplatz entsteht, wenn deutsche Firmen in China drei Arbeitsplätze schaffen. Volkswagen produziert in China jährlich 2,3 Millionen Autos. Etwa zehn Prozent der Zulieferungen kommen aus Deutschland. Das ist eine Win-Win-Situation. Meldungen, dass durch Investitionen in China Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen, stimmen einfach nicht. Diese Fakten sind wichtiger als irgendwelche Stimmungen. Ja, es gibt auch Probleme, die aber im Laufe der Entwicklung gelöst werden können. Dafür brauchen wir eine Vereinfachung der Formalitäten, einen Abbau der Bürokratie. Hier gibt es noch großen Nachholbedarf.

Wobei das für beide Seiten gilt.

Die chinesische Regierung hat erklärt, dass alle deutschen Unternehmen in China als chinesische betrachtet werden und entsprechend nicht anders als chinesische behandelt werden. Wie gesagt: Wir sind für offene Märkte, fairen Handel und für gesunden Wettbewerb. Das gilt für uns alle.

Lassen Sie uns abschließend noch einen Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung Chinas in diesem Jahr werfen. Für Li Keqiang sind der Energieverbrauch und das Transportvolumen wichtigere Indikatoren für die Wirtschaftsleistung als das Wachstum des Bruttosozialprodukts. Dennoch spielt das Bruttosozialprodukt in der Diskussion eine Rolle und die 7,7 Prozent Wachstum im ersten Quartal waren für viele Beobachter eher ernüchternd. Welche Prognose haben Sie für das laufende Jahr?

Bis 2020 wollen wir das Bruttosozialprodukt und die Einkommen der Bevölkerung verdoppeln. Das können wir mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von sieben Prozent erreichen. Für 2013 lautet das Ziel 7,5 Prozent, und wir sind überzeugt, dass dies auch zu erreichen ist. Es muss uns klar sein, dass bei der Wirtschaftskraft, die China inzwischen hat, zweistellige Zuwachsraten wie in der Vergangenheit einfach nicht mehr möglich sind. Ging es früher um Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum, geht es heute um eine nachhaltige, koordinierte Wirtschafts­entwicklung. Sieben bis acht Prozent Wachstum sind ein gewolltes Ziel und keine großen Schlagzeilen wert.

Mit Shi Mingde sprach Peter Tichauer. Das Interview ist erschienen in ChinacContact 07/2013.

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