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Exklusiv-Interview mit dem „Bayerisch-Schwäbische Wirtschaft"
2013/09/30

In der neuen Ausgabe 9/2013 des IHK-Wirtschaftsmagazins „Bayerisch-Schwäbische Wirtschaft“ wurde ein Interview mit dem Botschafter Shi Mingde veröffentlicht. Im Folgenden das Interview im Wortlaut.

BSW: Was unternimmt die chinesische Regierung, damit die chinesische Wirtschaft weiterhin wächst, aber nicht überhitzt?

Shi Mingde: Seit 30 Jahren hat die chinesische Wirtschaft ein Wachstum von durchschnittlich über 9 % beibehalten. Wenn man in der Vergangenheit hauptsächlich Wert auf Quantität gelegt hat, werden in der Zukunft die Qualität und Effizienz im Vordergrund stehen. In der letzten Zeit hat die chinesische Regierung das Tempo gedämpft, um die Ressourcen zu sparen, die Umwelt zu schützen und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen.

In diesem ersten Halbjahr betrug das Wachstum 7,6 Prozent, das liegt in einer vernünftigen und angemessenen Zifferzone. Der Motor der nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung Chinas besteht in der Industrialisierung, Informatisierung, Urbanisierung und Modernisierung der Landwirtschaft. Bis 2020 wird der Industrialisierungsgrad von heutigem 60 Prozent auf 80 Prozent steigen. Bis 2015 werden die energiesparenden Produkten einen Marktanteil von über 50 Prozent erlangen. Der Konsum von Informationen nimmt jährlich um 20 Prozent zu. Zurzeit liegt der Urbanisierungsgrad in China bei 52,6 Prozent, während die entwickelten Länder mehr als 80 Prozent erreichen. Nach Einschätzung kann der Zuwachs der Verstädterungsrate um je 1Prozent ein Wachstum von 0,7Prozent mit sich bringen. Außerdem wird China weiterhin die Reform intensivieren, Öffnung erweitern, die Funktionen der Behörden umgestalten und dadurch der nachhaltigen, gesunden Entwicklung Unterstützungen anbieten und Impulse geben.

Welche Auswirkungen hat die aktuelle chinesische Banken-Krise auf die in China aktiven Unternehmen?

Vor Kurzem kam es auf dem chinesischen Geldmarkt zu temporären Zinsturbulenzen. Das hat sowohl mit Schwankungen auf dem Devisenmarktwegen des angeblichen Ausstiegs aus der expansiven Geldpolitik

der USA zu tun, als auch mit zeitbedingten Faktoren wie Geldpumpen in den Markt zur Ferienzeit, Nachzahlung der Reserve, Abrechnung der Steuern usw. zu tun. Den Finanzinstituten mangelt es an Risikokontrolle

der Liquidität und Aktiva-Passiva-Management. Emotionale Faktoren wie pessimistische Marktprognose wegen negativer Bewertung über chinesische Wirtschaft der Außenwelt spielen dabei auch eine Rolle.

Die Situation wurde noch schlimmer durch Veröffentlichung einer Reihe von Aufsichtspolitiken. Seit letzter Dekade im Juni hat die chinesische Notenbank eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um den Zinsmarkt zu stabilisieren. Die zeitbedingten und emotionalen Faktoren verschwinden im Lauf der Zeit. Die Stabilität kehrt bereits zurück auf dem Finanzmarkt. Im Großen und Ganzen ist die Finanzlage in China stabil. Das Bankensystem ist ausreichend mit Liquidität versorgt. Die Zinsturbulenzen im Juni sind temporäres Phänomen, haben keine Beeinträchtigung auf die reale Wirtschaft einschließlich Geschäft von ausländischen Unternehmen. Dass die chinesische Notenbank verkündet, den Geldbeutel zu straffen, steht im Zusammenhang mit der Umgestaltung des Wachstumsmodells. Dadurch soll das Finanzsystem besser in der Lage sein, der Umstrukturierung und Aufwertung der chinesischen Wirtschaft mehr Unterstützungen anzubieten. Langfristig gesehen ist es nicht nur hilfreich für die Entwicklung Chinas, sondern kommt den Unternehmen auch zugute.

Welche Bereiche mit Entwicklungspotenzial sehen Sie auch in der Zusammenarbeit mit Deutschland?

China ist dabei, das Entwicklungsmodell zu ändern, die Wirtschaftsstruktur umzugestalten und das Wachstum zu fördern. Unsere Ziele sind, die Industrialisierung, Informatisierung, Urbanisierung und landwirtschaftliche

Modernisierung koordiniert zu entwickeln. Das wird der Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland bzw. der EU neue Chance bieten und der Weltwirtschaft neue Antriebskraft verleihen. Die Schlüsselbereiche in Zukunft sind Technik für neue Energie wie z.B. erneubare Energie und Energiesparen, Umwelttechnologie und hochwertige Produktion. Deutschland verfügt in o.g. Bereichen über reiche Erfahrungen und moderne Technologie. Darin besteht die gute Aussicht für vielversprechende Zusammenarbeit. Außerdem können beide Länder gegenseitige Investitionen stärken und im Bereich E-Mobilität gemeinsam forschen und Normen festlegen.

Die Löhne/Sozialabgaben/Steuern sind in China in den letzten Jahren gewaltig gestiegen. Die Vorgaben für die Provinzen sind von Seiten der Zentralregierung unterschiedlich. Wie sollen die schwäbischen Unternehmen mit diesem Thema umgehen?

Ich bin der Ansicht, dass die Veränderungen der Produktionskosten objektiv betrachtet werden sollen. Die Lohnkosten in China sind im gewissen Maße gestiegen, das soziale Sicherungssystem verbessert sich ständig.

Das ist ein Resultat der nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung, kommt der Stimulierung der Binnennachfrage und Förderung des nachhaltigen Wachstums zugute. Wenn man global betrachtet und umfassende Faktoren wie Produktivität, Infrastruktur und flankierende Dienstleistungen berücksichtigt, gehört China weiterhin zu den wettbewerbsfähigsten Standorten der Investition. Ich würde den schwäbischen Unternehmen empfehlen, nach Zentral- und Westchina zu gehen, wo es noch relativ unerschlossen und zurückgeblieben ist. Die Infrastruktur lässt noch viel zu wünschen übrig. Die Zentralregierung stärkt die Investitionen in diese Regionen ständig. Die Vorteile, die sich mit der Zeit zur Entfaltung bringen lassen, sind deutlich, wie günstige Produktionskosten. Der Markt hat vielversprechendes Potenzial. Sie sind die zukünftigen Schwerpunktregionen der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas.

Häufig sind von Unternehmerseite Probleme mit Behörden zu beklagen, Waren bleiben lange beim Zoll hängen, oft kann auf Veränderungen kurzfristig gar nicht reagiert werden. Auch die teilweise unterschiedlichen Entscheidungen von „Provinzfürsten“ können zu Problemen führen. Daneben ist bei Neuregelungen von chinesischer Seite meist keine Übergangsfrist vorgesehen, was die Situation für die Unternehmer vor Ort erschwert. – Könnten Sie hierzu den schwäbischen Unternehmen ein paar Tipps geben?

Ich würde den Unternehmen vorschlagen, sich besser über die makroökonomische Politik der chinesischen Regierung zu informieren, insbesondere über die 12. Fünf-Jahres-Planung. Darin steht nicht nur die Richtung der Gesamtentwicklung, sondern auch die konkrete Zielsetzung. Außerdem würde ich empfehlen, die Kommunikation mit den lokalen Behörden zu intensivieren. Dadurch kann man mehr Informationen erhalten und unnötiges Missverständnis meiden. Auch IHK kann dabei eine konstruktive Rolle spielen. Den Wünschen der Unternehmen kommen wir gern entgegen. Wir werden uns bemühen, die Arbeitseffizienz der Behörden zu erhöhen und den Service zu verbessern.

Wie reagiert China auf die von der EU-Kommission beschlossenen Strafzölle bei der Einfuhr von Solarprodukten? Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten eines etwaigen Freihandelsabkommens der EU mit China? Könnte die zunehmende wirtschaftliche Integration im Raum Asien auch negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsbeziehung zwischen China und EU haben?

Wir sind sehr enttäuscht von EU, wir werden uns strikt gegen die von EU verhängten vorläufige Strafzölle auf den chinesischen Solarprodukten. Das ist ein Schritt zum Protektionismus, da setzt man ein falsches politisches

Signal. Das Handelsvolumen der Solarprodukten zwischen China und EU beträgt 20 Milliarden Euro. Wenn es zu einem Handelskrieg kommt, schadet es den beiden Seiten, auch die anderen Branchen werden in Mitleidenschaft gezogen, am Ende sind alle Verlierer. Wir sind für Dialog und hoffen, dass EU sich mit uns zusammen um eine Lösung bemühen wird. Die Interessen der chinesischen Unternehmen werden wir schützen. Wir haben es zur Kenntnis genommen, dass EU die erste Verhandlung über eine Freihandelszone mit den USA aufgenommen hat. Europa und Amerika sind die zwei entwickeltsten Volkswirtschaften auf der Welt, die entscheidenden Einfluss auf den Welthandel haben. China tritt stets für liberalen Handel, offene Märkte und fairen Wettbewerb ein. Wir hoffen, dass der Verhandlung im Geist der Offenheit und des Transparents durchgeführt wird. Das wird nicht nur den Handel zwischen Europa und den USA begünstigen, sondern auch den Dora-Verhandlung und die Liberalisierung des Welthandels fördern. Asien bleibt die Region mit schnellem Wachstum. Sie bildet die antreibende Kraft der Weltkonjunktur. Die wirtschaftliche Verflechtung unter den asiatischen Ländern wird immer intensiver, diverse Freihandelsformen nehmen Gestalt an. Das wird aber auf keinen Fall negative Auswirkungen auf die Handelsbeziehungen zwischen Asien und Europa ausüben, im Gegenteil, die Prosperität und Entwicklung in Asien können nur Vorteil für Europa bedeuten, wie eine prosperierende Europa auch im Interesse Asiens liegt.

Als IHK haben wir mit China einen Schwerpunkt in der Betreuung unserer Firmen. Wie können Sie unsere Mitgliedsunternehmen bei Ihrem China-Engagement unterstützen?

Schwaben ist ein Ort, wo die besten deutschen klein- und mittelständischen Unternehmen sich konzentrieren. Diese Unternehmen verfügen über Spitzentechnik und sind flexibel beim Handeln. Es mangelt ihnen leider an Erkenntnissen über China und Erfahrungen auf dem chinesischen Markt, oft fehlt es ihnen an Informationen. Die chinesische Botschaft und ich persönlich sind bereit, den schwäbischen Unternehmen behilflich zu sein, Informationen zu liefern, Kontakte herzustellen und Unterstützungen anzubieten.

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