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Botschafter Shi Mingde gab Münchener Merkur ein Interview: „Deutsche so zuverlässig"
2014/05/12

In den 70er-Jahren studierte er in Ost-Berlin, in der DDR begann auch seine diplomatische Karriere, weitere Stationen waren Bonn und Wien. In perfektem Deutsch lobt er beim Redaktionsbesuch nicht nur die Zuverlässigkeit deutscher Politik und die Qualität deutscher Produkte, sondern schwärmt auch von bayerischen Weißwürsten, Bier und Knödeln.

Herr Botschafter, wie steht es um das deutsch-chinesische Verhältnis?

Wir schätzen die Beziehungen zwischen Deutschland und China sehr hoch ein. Deutschland ist unser größter und wichtigster Partner in Europa. Der Handel mit Deutschland macht bereits über 30 Prozent des gesamten Handels zwischen China und der EU aus.

Was macht Deutschland aus Pekings Sicht besser als andere Europäer?

Wir sehen Deutschland als einen sehr zuverlässigen Partner an. Was Deutsche sagen, halten sie auch ein. Wir schätzen nicht nur die Qualität deutscher Produkte, sondern auch die Zuverlässigkeit deutscher Politik, etwa die Berliner Position der Ein-China-Politik. Umgekehrt haben wir die deutsche Wiedervereinigung immer unterstützt.

Woran denkt ein Chinese, wenn er das Wort Bayern hört?

Touristisch natürlich an Schloss Neuschwanstein, ein Wahrzeichen der Schönheit Deutschlands. Voriges Jahr haben über 600 000 Chinesen Deutschland besucht, davon über die Hälfte Neuschwanstein. Bayern kommt immer zuerst. Es ist in Wirtschaft und Technologie das bestentwickelte Land Deutschlands. Der Handel zwischen China und Bayern macht gut ein Viertel des gesamten deutsch-chinesischen Handels aus.

Bayern hat mit Guangdong sogar eine zweite Repräsentanz in China eingerichtet.

Ja, und dieses Jahr feiern wir die 20-jährige Partnerschaft zwischen Bayern und Shandong. Aus diesem Anlass wird Ministerpräsident Horst Seehofer nach China reisen.

Wie beurteilt man in China die deutsche Energiewende?

Wir studieren mit Interesse die deutschen Erfahrungen in allen Bereichen. Denn auch wir möchten den Anteil erneuerbarer Energien erhöhen: bis 2020 von derzeit acht auf 15 Prozent. Zudem wollen wir die Luftverschmutzung, insbesondere die Feinstaubbelastung in den Städten, drastisch senken.

Der Smog resultiert nicht zuletzt aus der rasant steigenden Motorisierung?

Ja. Früher hatten wir in Peking fünf Millionen Radfahrer, jetzt sind es fünf Millionen Autos. Kennzeichen für neue Fahrzeuge werden mittlerweile verlost, um den Zuwachs zu bremsen.

Wie soll der Energiemix der Zukunft in China aussehen?

Energie ist die Grundlage der Mobilität und einer florierenden Wirtschaft. In den vergangenen 35 Jahren hat sich die Energienachfrage gleichmäßig mit der Wirtschaft entwickelt. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem rund die Hälfte des benötigten Erdöls und Erdgases importiert werden muss. Auf Dauer ist das nicht zu halten. Und wir decken noch 70 Prozent des Energiebedarfs aus Kohle. Daraus resultieren große Probleme für die Umwelt. Deshalb brauchen wir moderne Technologie im Bereich der Kohlevergasung, der Kohleverflüssigung sowie der Entschwefelung. In diesen Bereichen verfügt Deutschland über die fortschrittlichsten Technologien.

51 Prozent der chinesischen Bevölkerung lebt bereits in Städten. Ist die Landflucht ein Problem für die Landwirtschaft?

Nein, China ist in der Lage, seine Bevölkerung autark mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Jetzt geht es aber auch in der Landwirtschaft darum, die Effizienz zu erhöhen.

Werden auf dem Land also viele Menschen arbeitslos?

Ja, aber wir haben gleichzeitig einen Prozess der Industrialisierung. Überall entstehen neue Fabriken, nicht nur in den Küstenregionen. In Zentral- und Westchina herrscht ein großer Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

So entsteht ein Heer von Wanderarbeitern...

Wir hatten in den letzten 20 Jahren in China über 350 Millionen Wanderarbeiter, die in die Städte gezogen sind, um dort zu arbeiten und zu leben. Jetzt wächst bereits die zweite oder dritte Generation heran. Und der Urbanisierungsprozess in China beschleunigt sich weiter: Die Zahl der Menschen in unseren Städten wächst jedes Jahr um zehn Millionen.

Was hat das für soziale Folgen?

Es geht zwar allen insgesamt besser, aber das soziale Gefälle vergrößert sich – zwischen einzelnen Regionen und zwischen einzelnen Menschen. Der Staat muss dieses Gefälle in Grenzen halten, um soziale Spannungen zu verhindern.

Wann wird sich die zunehmende ökonomische Freiheit auch auf die Bürgerrechte auswirken?

Das eigentliche Ziel der chinesischen Revolution ist es, den Menschen mehr Freiheit und demokratische Rechte zu geben. Seit Gründung der Volksrepublik China hat sich die Lebensgrundlage der Menschen erheblich verbessert. Die Lebenserwartung lag vor 60 Jahren bei 36 Jahren, heute bei 74. Alle Chinesen genießen ein flächendeckendes soziales Absicherungssystem. Die neunjährige Schulbildung ist gebührenfrei, die medizinische Versorgung für alle garantiert. Es geht darum, die Menschen mehr an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Wir haben in China 600 Millionen Internet-Nutzer, 1,2 Milliarden Handy-Nutzer.

Die mit der ganzen Welt kommunizieren können?

Ja, da können sie reden, mit wem sie wollen. Interessierte können sich zu Regierungsvorlagen in China äußern, es gibt Live-Übertragungen im Fernsehen, bei denen Menschen via Internet mitmachen können. Junge Menschen beteiligen sich sehr stark und äußern ihre Meinung. Aber es gibt in jedem Staat einen gesetzlichen Rahmen. Persönliche Freiheit ist wichtig. Aber sie darf nicht das Allgemeinwohl beeinträchtigen.

Warum haben deutsche Politiker es oft so schwer, mit Bürgerrechtlern in China zu reden?

Wenn ich zu Besuch in Ihre Familie komme, und ich lade jemanden ein, der Ihnen nicht gefällt, dann ist das keine Geste der Höflichkeit.

Wenn China auf die Ereignisse in der Ukraine blickt, wie beurteilt Peking die Politik der Bundesregierung?

Unser Staatspräsident Xi Jinping hat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen und die Bemühungen der Bundesregierung in dieser Frage gewürdigt. Wir sind aber dafür, dass alle betroffene Länder an der Lösung der Ukraine-Krise beteiligt werden, die Amerikaner, die Europäer, die Russen. Alle müssen ihre Besonnenheit unter Beweis stellen und sich an einen Tisch setzen. Wir sind dafür, dass die Genfer Vereinbarungen von allen Seiten eingehalten werden. Und wir plädieren für eine finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung der Ukraine.

Wer hat die größeren Fehler gemacht in diesem Konflikt?

Das liegt klar auf der Hand. Die Eskalation der Ereignisse in der Ukraine hat ihre Gründe, sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart.

Zusammengefasst von Alexander Weber.

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