Home Über uns Wirtschaft und Handel Kontakt Konsularservice Bildung Links
 
Home > Der Botschafter  > Interviews
Botschafter Wu Hongbo gab der deutschen überregionalen Tageszeitung "Die Welt" ein zweistündiges Interview
2009/09/23

Am 17. 09. 2009 gab Herr Botschafter Wu Hongbo der deutschen überregionalen Zeitung "Die Welt" ein zweistündiges Interview, das umfangreiche Themen wie Gesellschaftssystem und Wertvorstellung Chinas, Frankfurter Buchmesse, Meinungsfreiheit, Demokratie sowie seine Eindrücke von der bevorstehenden Bundestagswahl beinhaltete. Die Fragen stellte Herr Daniel-Dylan Böhmer. Am 22. 09. veröffentlichte "Die Welt" den ersten Teil des Interviews, nämlich über die Bundestagswahl, Wus Hoffnung auf die stabile und gesunde Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen auch nach der Bundestagswahl, insbesondere nach der Konstituierung der neuen Bundesregierung sowie die Förderung der Demokratie in der KP Chinas. Am 26. 09. 2009 wird anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung der Volksrepublik China der zweite Teil des Interviews in der Zeitung "Die Welt" gedruckt werden. Hier veröffentlichen wir den entsprechenden ersten Teil des Interviews, und zwar im Wortlaut wie folgend:

                       

---Die Welt: Exzellenz, Sie haben vor Ihrer Abreise nach Deutschland gesagt, Sie interessieren sich sehr für die Bundestagswahl und würden gerne ein Wahllokal besuchen. Was sind Ihre Eindrücke von der deutschen Bundestagswahl?

---Wu: Weil ich zuvor in keinem europäischen Land auf Posten tätig war, interessiere ich mich sehr für die deutsche Bundestagswahl. Für mich ist es ein neues Erlebnis, in einem deutschsprachigen Land tätig zu sein. Beim Wahlkampf versuchen alle Parteien, ihre Meinungen aller Öffentlichkeit zu erklären. Für mich ist das eine gute Gelegenheit, mich in knapper Zeit so bald wie möglich über Deutschland zu informieren. Überdies kann der Regierungswechsel eines Staates Änderung seiner Außenpolitik mit sich bringen. Als Botschafter der VR China in Deutschland verfolge ich mit großer Aufmerksamkeit die Meinungen aller Kandidaten über die internationalen Angelegenheiten und insbesondere über China. Ich hoffe vom ganzen Herzen, dass sich die chinesisch-deutschen Beziehungen auch nach der Wahl am 27. September bzw. nach der Konstituierung der neuen Bundesregieung weiterhin stabil und gesund entwickeln können. Das entspricht nicht nur den Interessen unserer beiden Länder, es kommt auch dem Frieden und der Entwicklung der Welt zugute.

---Die Welt: Viele Deutsche finden den Wahlkampf und das Umgehen der Parteien unter einander zu harmonisch. Verstehen Sie das?

---Wu: Nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich die Bundestagswahl in Deutschland und die Wahl auf den Philippinen, wo ich 2004 als Botschafter war, verglichen. Die Bundestagswahl in Deutschland ist viel ruhiger. Auf den Philippinen fuhren alle Kandidaten, in farbenprächtiger Bekleidung, mit LKW durch die Straßen und schrien in Mikrofone. Das war wie ein großes Fest. Hier ist der Wahlkampf ruhiger, und vielleicht auch vernünftiger. Ich glaube, das ist nicht so wichtig. Am Wichtigsten ist jedoch, dass die Personen, die man für die besten hält, gewinnen können. Wir Chinesen sind sehr pragmatisch und gehen davon aus, dass eine gute Form mit einem schlechten Ergebnis nichts nützt.

---Die Welt: Haben Sie das Fernsehduell zwischen Frau Merkel und Herrn Steinmeier gesehen?

---Wu: Auf Ihre Frage kommt sicher ein Nein von mir, weil ich ja kein Deutsch verstehe. Aber ich habe in englischen Medien darüber gelesen. Nun wir kommen zu dem Punkt zurück, nämlich die Besonderheiten Ihrer politischen Struktur. Bei der Präsidentschaftswahl in den USA gibt es in der Regel zwei Kandidaten - einer regiert, der andere ist in der Opposition. In Deutschland sieht es anders aus, weil Sie große Koalition haben. Die beiden Kanzlerkandidaten kommen aus der regierenden Großen Koalition. So kann man sich im großen und ganzen vorstellen, wie die beiden Kandidaten debattieren. Keiner möchte sich selbst verneinen. Ich weiß nicht, ob ich recht habe, ich bin schließlich kein Experte für deutsche Fragen.

---Die Welt: Aber Sie sind ein sehr erfahrener Diplomat. Sie haben eben erwähnt, dass eine Regierungspartei sich nicht vor aller Öffentlichkeit verneinen will. Das müssten Sie aus China kennen.

---Wu: Die chinesische Regierung und die kommunistische Partei Chinas haben in den vergangenen 60 Jahren seine Erfahrungen gesammelt. Wie Sie vielleicht wissen, im letzten Jahrhundert haben wir die zehnjährige (1966-1976) Kulturrevolution erlebt. Sie waren wahrscheinlich noch nicht geboren.

---Herr Böhmer: Ich wurde zwar erst 1975 geboren, aber die Kulturrevolution ist für mich ein Begriff.

---Wu: Wir haben diesen Fehler doch öffentlich zugegeben bzw. korrigiert, daraufhin erfolgte die Reform und Öffnung 1978. Die Spitzenpolitiker Chinas haben eine besondere Gepflogenheit entwickelt - ich weiß nicht, ob sie den Politikern der anderen Länder auch gilt, nämlich alle Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der KP Chinas besuchen regelmäßig Kurse, die die besten Experten und Gelehrten gaben. Beim 14. Kurs im Juni unterrichteten z. B. die Experten über die Förderung der Demokratie in der KP . Dass es China in den vergangenen 60 Jahren gelungen war, Schritt für Schritt voranzugehen, ist dem andauernden Lernen, der Korrigierung eigener Fehler und nicht zuletzt dem Versuch, immer nach Unzulänglichkeiten zu suchen und Erfahrungen zu sammeln, zu verdanken.

Was die Demokratie angeht, kann ich Ihnen ein anderes Beispiel geben. Wenn Sie in China eine Reise machen, können Sie im einheimischen Fernsehen oft Fotos und Lebensläufe von Beamten sehen. Das sind Leute, die die lokale Regierung ernennen will. Und wenn Sie als Zuschauer jemanden kennen und wissen, er ist korrupt, dann können Sie eine zentrale Rufnummer wählen und ihn anzeigen. In diesem Fall kann der Betreffende nicht ernannt werden und muss sich einer Untersuchung unterziehen. Gibt es so etwas auch bei Ihnen? Na sehen Sie.

Suggest to a friend
  Print