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Botschafter Wu Hongbo gab der deutschen überregionalen Tageszeitung "Die Welt" ein zweistündiges Interview (voller Wortlaut)
2009/10/04

Am 17. 09. 2009 gab Herr Botschafter Wu Hongbo der deutschen überregionalen Zeitung "Die Welt" ein zweistündiges Interview, das umfangreiche Themen wie Gesellschaftssystem und Wertvorstellung Chinas, Frankfurter Buchmesse, Meinungsfreiheit, Demokratie sowie seine Eindrücke von der bevorstehenden Bundestagswahl beinhaltete. Die Fragen stellte Herr Daniel-Dylan Böhmer. Am 22. 09. veröffentlichte "Die Welt" den ersten Teil des Interviews, nämlich über die Bundestagswahl, Wus Hoffnung auf die stabile und gesunde Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen auch nach der Bundestagswahl, insbesondere nach der Konstituierung der neuen Bundesregierung sowie die Förderung der Demokratie in der KP Chinas. Am 02. 10. 2009 kam der zweite Teil des Interviews anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung der Volksrepublik China zur Veröffentlichung, der bei Welt online Lesern große Aufmerksamkeit fand. Hier veröffentlichen wir das ganze Interview im Wortlaut wie folgend. Wenn Sie Kommentare oder Meinungen dazu äußern möchten, könnten Sie gerne an die Presseabteilung unserer Botschaft schreiben. Die Adresse können Sie bei Kontakt Homepage unserer Botschaft finden.

---Die Welt: Vor 60 Jahren wurde die Volksrepublik China gegründet. Heute ist sie einer der mächtigsten Staaten der Erde. Wie würden Sie einem Deutschen den Kommunismus erklären?

---Wu: Zuerst herzlich willkommen bei unserer Botschaft. Es freut mich sehr, von Ihrer Zeitung, die in Deutschland einflussreich ist, interviewt zu werden. Sie haben erwähnt, China sei einer der mächtigsten Staaten in der Welt. Ich glaube, China ist zwar groß, aber nicht mächtig. Der Bevölkerungszahl und Fläche nach ist China sehr groß. China ist das bevölkerungsreichste Land in der Welt, seine Fläche entspricht der Fläche von ganz Europa. Aber trotzdem ist China nicht mächtig, warum? Ich darf Ihnen erklären. Nehmen wir zuerst das Bruttoinlandsprodukt als Beispiel. Der Statistik der UNO nach betrug das BIP Chinas 2008 4,4 Billionen US-Dollar - im Gegensatz zu 3,6 Billionen US-Dollar Deutschlands. Aber wenn man das Pro-Kopf-BIP betrachtet, stellt sich eine ganz andere Konstellation heraus, nämlich 3300 US-Dollar Chinas zu 44 000 US-Dollar Deutschlands im Jahr 2008, d.h. das deutsche Pro-Kopf-BIP ist mehr als das Zehnfache Chinas. In den vergangenen 30 Jahren ist es China gelungen, mehr als 250 Millionen Menschen von der Armut zu befreien. Der UNO-Statistik nach waren 2/3 der Erfolge bei der weltweiten Armutsbekämpfung in den letzten 25 Jahren auf China zurückzuführen. Aber die chinesischen Kriterien für Armutsgrenze ist viel niedriger als die der UNO, wonach (weniger als 1 US-Dollar pro Tag wird als absolute Armut definiert) in China immer noch mehr als 100 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben. Deswegen sage ich, China ist zwar groß, aber nicht mächtig.

Zufälligerweise fallen auf dieses Jahr sowohl das 60. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik China als auch der 60. Jahrestag des deutschen Grundgesetzes, wozu wir dem deutschen Volk gratulieren. Viele chinesische Wissenschaftler werfen einen Rückblick auf die vergangenen 60 Jahre, die China zurückgelegt hat, während die deutschen Wissenschaftler einen Rückblick auf Ihre letzten 60 Jahre werfen. Sie haben eben gesagt, China sei ein kommunistischer Staat. Wir bezeichnen uns nicht als kommunistischen, sondern als sozialistischen Staat. Warum? Das hat mit unserem Verständnis für die Gesellschaft und für die Entwicklung des politischen Systems zu tun. Der von Ihrem Landsmann Karl Marx gegründete Kommunismus ist sowohl eine Theorie als auch eine Gesellschaftsform. Nach dieser Theorie gibt es in einer kommunistischen Gesellschaft keine Klassen und keine Ausbeutung, der Reichtum gehört allen Menschen, und jeder wird gefordert nach seinen Fähigkeiten und gefördert nach seinen Bedürfnissen. Wenn Sie sich China heute ansehen, dann können Sie selber das Fazit ziehen: Wir sind noch sehr weit entfernt von so einer Gesellschaft. Das heißt aber auf keinen Fall, dass diese Gesellschaft unerreichbar oder unerzielbar ist. Die Kommunisten glauben, der Kommunismus ist in zwei Stufen gegliedert, die erste Stufe wird als Phase des Sozialismus bezeichnet. China befindet sich in der Anfangsphase des Sozialismus. Ich möchte auf den Namen von Karl Marx zurückkommen. Die von ihm gegründete Lehre hat sich bewährt. Angesichts der Finanzkrise greifen immer wieder viele Leute nach seinem Werk "Kapital" und haben herausgefunden, dass Karl Marx, in dessen Werk auch die virtuelle Wirtschaft dargelegt wird, richtige Analysen über die internen Widersprüche im Kapitalismus gemacht hat. Die grundlegende Theorie von Karl Marx wird in China als erfolgreich bewiesen. So ist Ihr Landsmann verehrungswert. Vielleicht stimmen Sie mir nicht zu. (Herr Böhmer lacht.)

---Die Welt: Für welche Werte steht China in der Welt und inwiefern unterscheidet es sich darin von den USA und Europa?

---Wu: Diese Frage ist sehr groß und auch sehr kompliziert. Ich tue mein Bestes, um unsere Standpunkte und unsere Politik zu erläutern.

1. China tritt für die Demokratisierung der internationalen Politik ein. Wir alle wohnen in einem "Global Village" und sind Bewohner dieses Dorfes. Wir sind nicht der Auffassung, dass die Stärkeren und Reicheren in diesem Village den anderen befehlen und sogar Entscheidungen für die anderen treffen. Alle Länder sollten gemeinsam Lösungen für internationale Probleme suchen. Und alle Länder, egal groß oder klein, reich oder arm, sind gleichberechtigt.

2. Wir sollten Wirtschafts- und Handelsbeziehungen der Kooperation und des gemeinsamen Gewinns schafffen. Warum? Denn die wirtschaftliche Globalisierung ist eine unaufhaltsame Tendenz, aber die Armen sollten nicht ärmer, und die Reichen nicht reicher werden. Wir müssen Zusammenarbeit verstärken und nach gegenseitigem Nutzen mit gemeinsamem Gewinn streben, damit alle Länder und alle Völker daraus Vorteile bekommen könnten.

3. Die Vielfalt der Welt muss respektiert werden. Dass alle Völker in der Welt Entwicklungsmodelle und -wege nach eigenen verschiedenen Gegebenheiten auswählen könnten, muss besonders respektiert werden.

4. Ein neues Sicherheitskonzept, das von gegenseitigem Vertrauen und Zusammenarbeit des gemeinsamen Gewinns gekennzeichnet ist, soll ausgearbeitet werden. Man muss besonders darauf achten, dass die internationalen Streitigkeiten auf friedliche Art und Weise statt mit Kriegen beigelegt werden sollen.

Mit den obengenannten vier Punkten kann man vielleicht nicht alle Standpunkte Chinas zusammenfassen, aber sie sind auf jeden Fall ganz wichtig. Kurzum, China ist bereit, sich mit der internationalen Gemeinschaft zu bemühen, um eine harmonische Welt aufzubauen. Was den Unterschied zwischen den chinesischen Werten in den internationalen Angelegenheiten und denen der USA und Europas anbelangt, glaube ich, nach meiner obigen Darstellung könnten Sie selbst mal vergleichen. Ich persönlich finde, Amerika und Europa haben eine starke Neigung, in den internationalen Angelegenheiten andere zu belehren. Chinas weltberühmter Philosoph Konfuzius sagte vor mehr als 2000 Jahren: "Wenn drei unterwegs sind, dann kann einer unter ihnen mir bestimmt ein Lehrer sein." Aber die Amerikaner und Europäer handeln in den internationalen Angelegenheiten nach dem umgekehrten Prinzip - "wenn drei unterwegs sind, dann muss ich ihr Lehrmeister sein". Warum? Ich kann Ihnen erläutern. Die Staaten des Westens haben 100 bis 200 Jahre enormer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung hinter sich und haben eine relativ ausgereifte Gesellschaft und den Wohlstand. So verleihen manche sich selbst einen "großen Orden" und glauben, dass ihr Gesellschaftssystem und das Modell des politischen Systems das Beste ist. Diese Leute reisen dann auf der ganzen Welt herum und belehren alle. Das ist etwas anstrengend. Für die ganze Welt übrigens.

Wie Sie wissen, in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts befreiten sich viele asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Staaten von der kolonialen Herrschaft durch europäische Länder und wurden unabhängige Staaten. Sie standen vor der Wahl, was für einen Weg sie gingen und welches System sie einführen sollten. Vor 30 Jahren begann China mit der Reform und Öffnung. Auch wir suchen nach Wegen zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Da kamen die "Lehrmeister" aus den USA und Europa mit Maß und messten dabei. Was der westlichen Struktur passt, ist richtig und demokratisch, was nicht passt, ist einfach falsch, diktatorisch und undemokratisch. Wir möchten auch nach Europa kommen und ansehen, wie es hier aussieht. Die Trennung der drei Gewalten und ihre gegenseitige Einschränkung ist das Merkmal für das westliche politische System. Die USA ist das typische Beispiel für die Trennung der drei Gewalten - Exekutive, Legislative und Judikative. Aber als wir in Großbritannien ankamen, begegneten wir anderer Situation. Auf der Visitenkarte vom britischen Innenminister stand "MP" (Member of the Parliament), d.h. die Abegeordneten von Großbritannien sind sowohl Gesetzgebende als auch Regierungsbeamte. In Frankreich sahen wir wieder Unterschied. Dort ist die politische Struktur fifty vom Präsidenten und fifty vom Parlament geprägt, und die dominierende Stellung der Exekutive ist auffallend. Nun gucken wir hier in Deutschland, wenn ich richtig verstanden habe, hat jeder Deutscher zwei Stimmen bei der Bundestagswahl, und zwar die Erststimme für Kandidaten und die Zweitstimme für Parteien. So sind wir zur Schlussfolgerung gekommen, dass die politischen Systeme auch im Westen sehr unterschiedlich aussehen. Die jeweiligen politischen Systeme entsprechen den jeweiligen Gegebenheiten der Länder, z.B. in Großbritannien ist die Königin das Staatshaupt, aber wenn man dieses politische System in manche Länder überträgt, wird es nicht funktionieren. Und wir haben uns auch die Entwicklungsländer angesehen, die westliche politische Systeme übernommen haben. Dort ist die Situation nicht sehr ermutigend. Sie haben sehr viele Probleme. Bei der Wahl "Jeder eine Stimme" kommen auch korrupte Politiker an die Macht. Diese Länder haben die Systeme von den USA oder Europa übernommen, aber das Leben des Volkes und die Entwicklung der Gesellschaft haben sich nicht offensichtlich verbessert. So ist unsere Zuversicht für die Analyse und Beurteilung zugenommen. Diese Beobachtung rund um den Globus bringt uns zur Erkenntnis, dass das politische System eines Staates unbedingt den Bedingungen wie der eigenen Gesellschaft und der wirtschaftlichen Entwicklung anpassen muss. Bei uns gibt es ein Sprichwort: "Wenn man Orangen südlich des Huai-Flusses pflanzt, dann werden sie süß, im Norden werden sie sauer". Ich hoffe, dass die amerikanischen und europäischen Länder bei den internationalen Angelegenheiten sich danach handeln: nämlich mehr Beobachtung, weniger Schlussfolgerung; mehr Geduld, weniger Voreiligkeit; mehr Gedankenaustausch und weniger eigenmächtige Entscheidung.

---Die Welt: Die ökonomischen Unterschiede sind aber weniger gravierend. Chinas Engagement hat gerade sehr geholfen, die Weltwirtschaftskrise in Grenzen zu halten. China hat gerade den Kapitalismus gerettet.

---Wu: Ich finde, wir sollten eine andere Perspektive wählen. Wir alle sind Einwohner dieser Welt und dieses Planeten. Für ein besseres Leben sollten wir einander helfen. Dass ein sozialistisches China und der Kapitalismus gleichzeitig auf der Erde existiert, ist doch ein gutes Zeichen und beweist damit die Vielfalt der Welt. Wir könnten zusammenarbeiten und auch einen fairen Wettbewerb führen, welches System dem Volk mehr Glück und mehr Freude bringt. Beim Umgehen mit den kapitalistischen Ländern treten wir dafür ein, dass wir die Unterschiede bei den historischen Hintergründen, der Ideologie, des Entwicklungsniveaus, der Kultur und Bildung überschreiten sollen, um eine schönere Zukunft für die Menschheit zu schaffen. Die Tatsache hat auch bewiesen, dass wir mit vielen Ländern mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen friedlich koexistieren und gemeinsam entwickeln können.

---Die Welt: Was die handelspolitischen Auseinandersetzungen zwischen China und den USA angeht, gibt es Gerüchte, wonach China plant, mit seinen riesigen Devisenreserven US-Dollar zur Abwertung zu bringen. Wie ist Ihr Kommentar dazu?

---Wu: Die chinesisch-amerikanischen Handelsbeziehungen sind sehr wichtig. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern betrug im Vorjahr über 330 Milliarden US-Dollar, was dem dreifachen des Handelsvolumens zwischen China und Deutschland entspricht. Dass es im Handel zwischen China und den USA Reibungen gibt, ist ganz normal. Aber vom Gerücht, dass China mit seinen riesigen Devisenreserven US-Dollar zur Abwertung zwingen will, habe ich nicht gehört. Im internationalen Handel tritt China für Gerechtigkeit und gegenseitigen Nutzen ein. Wir sind gegen den Handels- und Investitionsprotektionismus. In der heutigen Situation, wobei die Finanzkrise noch nicht ganz vorbei ist, sollen alle Länder der Welt zusammenschließen und sich gemeinsam bemühen, um Einflüsse der Finanzkrise zu überwinden und die Weltwirtschaft wieder zu beleben.

---Die Welt: Ich verfolge mit großer Aufmerksamkeit die Rollen der deutschen sowie der chinesischen Medien. Soviel ich weiß, als junger Mann haben Sie selbst für westliche Journalisten in Beijing gedolmetscht. Was mussten Sie westlichen Medien am häufigsten erklären?

---Wu: Diese Frage ist schwer mit einem Satz zu erläutern. Für unterschiedliche Zeitabschnitte und Perioden gibt es verschiedene Interesseschwerpunkte. Von 1976 bis 1978 arbeitete ich als Dolmetscher für Nigel Wade vom Londoner Daily Telegraph und von 1980 bis 1982 für Jim Laurie vom US-Fernsehsender ABC. Beide haben sich immer sehr beklagt, dass sie keine Informationen bekamen. Es gab nur drei Quellen im Jahr 1976 für ausländische Journalisten in China, nämlich die Nachrichtenagentur Xinhua und die Tageszeitungen Renmin Ribao und Guangming Ribao. Dieses Problem ist längst vorbei. Heute gibt es bei uns so viele Medien, dass die Journalisten der Informationsflut gar nicht mehr Herr werden. Heute stationieren 700 ausländische Journalisten in Beijing, darunter auch manche deutsche Journalisten. Während der Olympischen Spiele 2008 kamen 30 000 Journalisten nach China, während die Gesamtzahl der Sportler, Trainer und Schiedsrichter usw. nur über 10 000 betrug, das war drei zu eins. Die Journalisten kümmerten sich um viele Themen. Bis letzten Oktober brauchten ausländische Journalisten für ein Arbeitsvisum eine einladende Institution, wofür sie bezahlen mussten, und wenn sie Interviews wollten, musste das durch die Institution organisiert werden. Das ist heute alles nicht mehr so. Soweit die Journalisten ein Journalist-Visum oder einen von China ausgestellten Journalistenausweis haben, und die Interviewten damit einverstanden sind, können sie Interviews führen. Eine neue Verordnung wird ausgearbeitet, wonach die Regierungsbehörden Chinas das System des Sprechers eingeführt haben. Manche ausländischen Journalisten beklagten sich, dass sie telefonisch niemanden erreichen konnten. Das Presse- und Informationsamt des Staatsrats Chinas hat neulich beschlossen, dass die Behörden "Null-Ablehnung" für telefonische Interviews einführen, nämlich gar keine einzige Ablehnung. Wenn es immer nicht ideal ist, kann man sich beim Presse- und Informationsamt des Staatsrats beklagen. Sie sind Journalist, Sie wissen, dass ein Brennpunkt in der Regel nicht länger als eine Woche dauert. Deswegen haben die Journalisten Multi-Interessenschwerpunkte, die sich mit dem Wandel der Lage ändern.

---Die Welt: In Ihrem Land herrscht noch immer keine Pressefreiheit. Auch das Internet wird eng überwacht. Müsste die KP nicht so souverän sein, abweichende Meinungen zu zulassen? Eben haben Sie auch den Wettbewerb verschiedener Gesellschaftssysteme erwähnt?

---Wu: Über die Pressefreiheit wird viel diskutiert. Manche sagen, es gibt Pressefreiheit in China, wärend manche das verneinen. Ich möchte von einer anderen Perspektive darüber sprechen. Im Mai dieses Jahres hat ein Institut der Universität von Maryland in den USA eine internaitonale Umfrage in mehr als 20 Ländern, inklusive China und der USA zum Thema Pressefreiheit geführt. Darin haben 89% der Chinesen die Frage bejaht, ob es bei uns Pressefreiheit gebe. Von diesen sagten 12%, die Pressefreiheit in China sei ausreichend. Weitere 26% sagten, es gebe in China eine gewisse Pressefreiheit, und 51% sagten, es gebe zwar Pressefreiheit, aber sie könne ausgebaut werden. Aber auch sie behaupteten nicht, die Presse sei bei uns völlig unfrei. Daraus können wir zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens ist die überwiegende Mehrheit der Chinesen der Meinung, es gibt in China Pressefreiheit. Zweitens, man hat verschiedene Vorstellungen für die Maße der Pressefreiheit. Interessant fand ich übrigens auch, dass in den USA 22% der Befragten fanden, es solle dort weniger Pressefreiheit geben. Das beweist, dass die Völker in der Welt verschiedene Meinungen über die Pressefreiheit im eigenen Land haben. Sie haben eben erwähnt, die chinesischen Journalisten hätten keine Pressefreiheit und seien eingeschränkt. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben, das nicht ganz neu ist. Es geschah im Jahr 2003. Ein Student war arbeitslos und wurde auf der Straße von einem Polizisten aufgehalten. Weil er seinen Personalausweis nicht bei sich hatte, wurde er vom Polizisten in Gewahrsam genommen und anschließend in eine Aufnahmeanstalt, eine besondere Anstalt für vorübergehende Aufnahme der jenigen, die keinen Personalausweis hatten, gebracht. Der Student kam ums Leben. Die verantwortlichen lokalen Beamten behaupteten, es handelte sich um einen normalen Todesfall. Ein Journalist von der lokalen Zeitung "Nanfang Dushi Bao" (Stadtzeitung in Südchina) recherchierte und veröffentlichte einen Bericht, wonach der Fall kein normaler Todesfall war. Die Regierung zogen nach Ermittlungen den Schluss, dass der Student tot geschlagen wurde. Der verantwortliche Beamte wurde nach Gesetzen bestraft. Die Aufnahmeanstalten wurden landesweit aufgelöst. Es gibt noch viele solche Beispiele.

---Die Welt: Als Gastland der Frankfurter Buchmesse hat sich China aber weniger umgänglich gezeigt. Auf Druck der Pekinger Führung mussten die Frankfurter die regimekritischen Autoren Dai Qing und Bei Ling von einem Symposium ausladen. Und als sie dennoch erschienen, räumten Chinas Vertreter unter Protest den Saal. Schadet China so nicht seinen Interessen?

---Wu: In der Geschichte der Frankfurter Buchmesse wird China zum ersten Mal als Ehrengast auftreten. Das zeigt einerseits, dass die Frankfurter Buchmesse großen Wert auf die chinesische Kultur legt, andererseits widerspiegelt es, dass China Respekt vor der Frankfurter Buchmesse hat. Wir kommen nach Deutschland nicht nur als Gast, sondern auch als Kooperationspartner der Buchmesse. Deshalb liegt das Gelingen der Präsentation Chinas als Gastland wärend der Buchmesse im Oktober im Interesse unserer beiden Länder. Die zwei Leute, die von Ihnen erwähnten, waren beim Symposium und haben an Diskussionen teilgenommen. Weil die Tatsache schon da war, braucht man darüber nicht viel zu diskutieren. Ich glaube, Kritik und sogar Vorwürfe von manchen Leuten wird auf keinen Fall dem Ansehen Chinas schaden, weil wir uns in den vergangenen 60 Jahren genau in solcher Situation entwickelt haben. Ich mache mir eher Sorgen um das Image Deutschlands in China. Ich kann Ihnen was erzählen. Die Robert Bosch Stiftung hat eine Gruppe junger Journalisten aus allen großen Zeitungen Chinas zum Austausch nach Deutschland eingeladen, die auch bei diesem Symposium waren. Diese Journalisten haben meinen Kollegen dort drei Fragen gestellt: 1. China ist Gast aus der Ferne. Wie kann es sein, dass die Gastgeberin in ihrer Rede bei der Eröffnung des Symposiums kein einziges Begrüßungswort für den Mitveranstalter China übrig hatte? War das höflich? 2. Das Symposium wurde von beiden Seiten gemeinsam veranstaltet. Wie kann es sein, dass die deutsche Seite den Ablauf eigenmächtig änderte, ohne China zu informieren? War es richtig? 3. Nach dem Prinzip der Demokratie hat man das Recht, die Meinungen der anderen zuzuhören oder das Gegenteil. Warum wurden denjenigen Chinesen, die nicht hören wollten und den Saal verließen, diktatorisch, antidemokratisch und antifreiheit vorgeworfen? Diese jungen chinesischen Journalisten glaubten, das war die beeindruckendste Lektion während ihres Deutschland-Aufenthalts. Ich weiß nicht, wie sie nach ihrer Rückkehr nach China von diesem Erlebnis berichten werden, aber ich hoffe, dass die Eindrücke meiner Landsleute über die Deutschen sowie die Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern dadurch keinen Schaden nahmen. Denn meine Kollegen haben mir erzählt, dass die meisten Deutschen, die an der Eröffnung des Symposiums teilnahmen, ziemlich herzlich und freundlich meinen Landsleuten gegenüber waren. Sie waren bereit, in einer ruhigen und angenehmen Atmosphäre Meinungen auszutauschen. Wie die chinesischen Journalisten schreiben werden, gehört nicht zu meinen Aufgaben. Ich habe auch kein Recht, mich darum zu kümmern. Aber ich mache mir wirklich Sorgen um das Image Deutschlands in China.

---Die Welt: Exzellenz, Sie haben vor Ihrer Abreise nach Deutschland gesagt, Sie interessieren sich sehr für die Bundestagswahl und würden gerne ein Wahllokal besuchen. Was sind Ihre Eindrücke von der deutschen Bundestagswahl?

---Wu: Weil ich zuvor in keinem europäischen Land auf Posten tätig war, interessiere ich mich sehr für die deutsche Bundestagswahl. Für mich ist es ein neues Erlebnis, in einem deutschsprachigen Land tätig zu sein. Beim Wahlkampf versuchen alle Parteien, ihre Meinungen aller Öffentlichkeit zu erklären. Für mich ist das eine gute Gelegenheit, mich in knapper Zeit so bald wie möglich über Deutschland zu informieren. Überdies kann der Regierungswechsel eines Staates Änderung seiner Außenpolitik mit sich bringen. Als Botschafter der VR China in Deutschland verfolge ich mit großer Aufmerksamkeit die Meinungen aller Kandidaten über die internationalen Angelegenheiten und insbesondere über China. Ich hoffe vom ganzen Herzen, dass sich die chinesisch-deutschen Beziehungen auch nach der Wahl am 27. September bzw. nach der Konstituierung der neuen Bundesregieung weiterhin stabil und gesund entwickeln können. Das entspricht nicht nur den Interessen unserer beiden Länder, es kommt auch dem Frieden und der Entwicklung der Welt zugute.

---Die Welt: Viele Deutsche finden den Wahlkampf und das Umgehen der Parteien unter einander zu harmonisch. Verstehen Sie das?

---Wu: Nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich die Bundestagswahl in Deutschland und die Wahl auf den Philippinen, wo ich 2004 als Botschafter tätig war, verglichen. Die Bundestagswahl in Deutschland ist viel ruhiger. Auf den Philippinen fuhren alle Kandidaten, in farbenprächtiger Bekleidung, mit LKW durch die Straßen und schrien in Mikrofone. Das war wie ein großes Fest. Hier ist der Wahlkampf ruhiger, und vielleicht auch vernünftiger. Ich glaube, das ist nicht so wichtig. Am Wichtigsten ist jedoch, dass die Personen, die man für die besten hält, gewinnen können. Wir Chinesen sind sehr pragmatisch und gehen davon aus, dass eine gute Form mit einem schlechten Ergebnis nichts nützt.

---Die Welt: Haben Sie das Fernsehduell zwischen Frau Merkel und Herrn Steinmeier gesehen?

---Wu: Auf Ihre Frage kommt sicher ein Nein von mir, weil ich ja kein Deutsch verstehe. Aber ich habe in englischen Medien darüber gelesen. Nun wir kommen zu dem Punkt zurück, nämlich die Besonderheiten Ihrer politischen Struktur. Bei der Präsidentschaftswahl in den USA gibt es in der Regel zwei Kandidaten - einer regiert, der andere ist in der Opposition. In Deutschland sieht es anders aus, weil Sie große Koalition haben. Die beiden Kanzlerkandidaten kommen aus der regierenden Großen Koalition. So kann man sich im Großen und Ganzen vorstellen, wie die beiden Kandidaten debattieren. Keiner möchte sich selbst verneinen. Ich weiß nicht, ob ich recht habe, ich bin schließlich kein Experte für deutsche Fragen.

---Die Welt: Aber Sie sind ein sehr erfahrener Diplomat. Sie haben eben erwähnt, dass eine Regierungspartei sich nicht vor aller Öffentlichkeit verneinen will. Das müssten Sie aus China kennen.

---Wu: Die chinesische Regierung und die kommunistische Partei Chinas haben in den vergangenen 60 Jahren seine Erfahrungen gesammelt. Wie Sie vielleicht wissen, im letzten Jahrhundert haben wir die zehnjährige (1966-1976) Kulturrevolution erlebt. Sie waren wahrscheinlich noch nicht geboren. (Herr Böhmer: Ich wurde zwar erst 1975 geboren, aber die Kulturrevolution ist für mich ein Begriff.) Wir haben diesen Fehler doch öffentlich zugegeben bzw. korrigiert, daraufhin erfolgte die Reform und Öffnung 1978. Die Spitzenpolitiker Chinas haben eine besondere Gepflogenheit entwickelt - ich weiß nicht, ob sie den Politikern der anderen Länder auch gilt, nämlich alle Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der KP Chinas besuchen regelmäßig Kurse, die die besten Experten und Gelehrten geben. Beim 14. Kurs im Juni unterrichteten z. B. die Experten über die Förderung der Demokratie in der KP. Dass es China in den vergangenen 60 Jahren gelungen war, Schritt für Schritt voranzugehen, ist dem andauernden Lernen, der Korrigierung eigener Fehler und nicht zuletzt dem Versuch, immer nach Unzulänglichkeiten zu suchen und Erfahrungen zu sammeln, zu verdanken.

---Die Welt: Es gab in der Vergangenheit Experimente mit Wahlen von Kadern der KPCh durch die Bürger? Werden sie fortgesetzt?

---Wu: Sie haben eine wichtige Frage gestellt. Manche sind der Meinung, es gebe in China keine Demokratie, oder China wolle keine Demokratie. Man kann sagen, wenn eine diktatorische, undemokratische Partei China 60 Jahre lang regiert, kann es nicht sein, dass das Land das jetzige Entwicklungsniveau erreicht hat. In der Schlussresolution des 17. Parteitages der KP Chinas kam das Wort Demokratie über 60 Mal vor, unter anderem die Volksdemokratie bzw. die gesellschaftliche Demokratie durch die parteiinterne Demokratie vorangetrieben werden soll. Vielleicht werden Sie sagen, das sei nur Rederei, nennen Sie lieber ein paar Tatsachen. Hier gebe ich Ihnen einige Informationen: Vor paar Tagen gab es in der chinesischen Stadt Nanjing, eine Metropole in Südchina mit 6 Millionen Einwohnern, direkte Wahl. Dort wurden die Mitglieder der 363 Parteikomitees durch Mitglieder der KP direkt gewählt. Die Leitenden von der Stadt Nanjing erzählen, dass sie das Experiment schon seit einigen Jahren durchgeführt hätten, jetzt sei der Zeitpunkt reif, dieses Experiment in allen Parteikomitees in der ganzen Stadt zu verbreiten. Auch in manchen anderen chinesischen Städten werden solche Experimente durchgeführt. Sie werden vielleicht sagen, das sei eine parteiinterne Sache und habe weniger mit den Bürgern Chinas zu tun. Ich kann Ihnen zwei weitere Beispiele geben. Es leben in ganz China ungefähr 800 Millionen Bauern, die in 600 000 administrativen Dörfern verteilt wohnen. Vor mehr als 10 Jahren haben wir ein Pilotprojekt durchgeführt, wobei die Dorfleiter direkt gewählt wurden. Bis 2009 wurden insgesamt über 2,3 Millionen Dorfleiter gewählt, darunter 95% von ihnen wurden direkt gewählt. Wie sieht es in den Städten aus? In ganz China gibt es mehr als 80 000 Stadteinwohnerkomitees, die die Einwohner verwalten, 22% von ihnen wurden direkt gewählt. Die betreffenden Behörden planen vor, bis zum nächsten Jahr den Anteil der direkten Wahl auf 50% zu erhöhen. Und wenn Sie in China eine Reise machen, können Sie im einheimischen Fernsehen oft Fotos und Lebensläufe von chinesischen Beamten sehen. Das sind Leute, die die lokale Regierung ernennen will. Und wenn Sie als Zuschauer jemanden kennen und wissen, er ist korrupt, dann können Sie eine zentrale Rufnummer wählen und ihn anzeigen. In diesem Fall kann der Betreffende nicht ernannt werden und muss sich einer Untersuchung unterziehen. Gibt es so etwas auch bei Ihnen? Na sehen Sie. Nehmen wir das chinesische Außenministerium als ein weiteres Beispiel. Bei der Beförderung eines jungen Diplomaten z.B. zum Referatsleiter, muss er einen fairen Wettbewerb mit den anderen machen. Wer die beste Note bekommt, wird gewinnen. Das ist aber bei weitem nicht alles. Die Unterlagen vom Gewinner werden im internen Netzwerk für 7 Tage veröffentlicht. Wenn jemand sich binnen 7 Tage beklagt, der Kandidat habe einen gravierenden Fehler gemacht, der Verlust verursacht hatte, dann wird der Kandidat seine Chance verlieren. Ich habe die Kollegen aus anderen Ländern danach gefragt und bekomme zu Kenntnis, dass China das erste Land ist, das so etwas durchführt.

Jetzt ist das Wort "Roadmap" besonders modisch, so gebe ich Ihnen auch eins: Erstens, die demokratische Politik Chinas befindet sich in der Entwicklung, sie wird noch größere Erfolge erzielen. Wie die wirtschaftliche Reform ist die Entwicklung der demokratischen Politik Chinas auch mit chinesischer Prägung. Zweitens, die Entwicklung der demokratischen Politik ist ein progressiver Prozess, der Schritt für Schritt vorangetrieben wird. Sie muss den Gegebenheiten Chinas entsprechen. Drittens, die Entwicklung der demokratischen Politik Chinas begann auf der Basis bzw. auf der ländlichen und städtischen Basisebene. Der letzte und zugleich der wichtigste Punkt ist, die Entwicklung der demokratischen Politik Chinas wird von der parteiinternen Demokratie vorangetrieben. Ich glaube, das alles, was ich Ihnen erzählt habe, ist ziemlich neu für Sie. Ich bin davon überzeugt, dass das ein großartiges Experiment und eine großartige Praxis für demokratische Politik seit der Geschichte der Menschheit, die von einem Fünftel der Weltbevölkerung durchgeführt wird. So wie wir große Zuversicht für unsere wirtschaftliche Reform haben, sind wir genauso zuversichtlich für die Entwicklungsperspektive der demokratischen Politik Chinas.

---Die Welt: Das war ein wunderbares Schlusswort. Vielen Dank für das Interview!

---Wu: Ich danke Ihnen für Ihren Besuch!

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