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Herr Botschafter Wu Hongbo gab "Frankfurter Rundschau" ein Interview
2009/10/23

Am 29. September gab Herr Botschafter Wu Hongbo "Frankfurter Rundschau" ein Interview und beantwortete die Fragen über den 60. Jahrestag der Volksrepublik China, Chinas Erfolge und Erfahrungen in den letzten 60 Jahren, die Frankfurter Buchmesse, die Pressefreiheit, die Berichterstattung der westlichen Medien über China usw. Das Gespräch führte Herr Arno Widmann. Am 13. Oktober veröffentlichte "Frankfurter Rundschau" den Hauptinhalt des Interviews. Zu Ihrer Information veröffentlichen wir das ganze Interview im Wortlaut.

---FR: Guten Tag, Herr Botschafter.

---Wu: Willkommen bei der Botschaft, Herr Widmann. Ich weiß, dass "Frankfurter Rundschau" eine ziemlich bekannte Zeitung in Deutschland ist. Sie sind ein wenig älter als ich, haben sicher mehr Erfahrungen als ich. Ich werde viel von Ihnen lernen. Wir können einen Ost-West-Dialog führen.

---FR: Vielen Dank. Aber ich habe meine Jahre vertan, bin also viel unerfahrener als Sie. Darum stelle ich auch Fragen.

---Wu: Ein Fragesteller ist nicht unbedingt unerfahren. Er muss sich viel Zeit dafür nehmen, um zu recherchieren, was für Fragen er stellen soll.

---FR: Ich habe eine ganz einfache Frage: Haben Sie schon gegessen?

---Wu: Ja.

---FR: Hätten Sie vor 30 Jahren auch so geantwortet?

---Wu: Natürlich.

---FR: Sie haben gestern im Grußwort (beim Empfang der chinesischen Botschaft anlässlich des 60. Jahrestages der VR China) einen Wandel in China erwähnt: Früher sagte man zur Begrüßung in China "Haben Sie gegessen?", jetzt sagt man "Ni Hao!" (Guten Tag!)

---Wu: Sehr aufmerksam von Ihnen. Warum habe ich Ihnen die Episode erzählt? Denn keine der vielen Dynastien, die über China herrschten, hat jemals die Ernährungsfrage gelöst. Vergleichen Sie mal China mit Deutschland, bis heute gibt es in China jedes Jahr viele Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen. Deshalb ist es sehr wichtig, wenn man satt essen kann. Wer fragt "Haben Sie gegessen?", der zeigt, dass er sich um dich kümmert. Für meine Generation war diese Begrüßung sehr normal, aber für die junge Generation klingt das eher komisch. Wenn man heute diese Frage stellt, wird er von allen für dumm gehalten.

---FR: Das ist ein Fortschritt.

---Wu: Das ist ein großer Fortschritt. Wir Chinesen sagen, wenn wir unsere Angelegenheiten gut geregelt haben, ist das an sich schon ein großer Beitrag für die Welt. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. Jährlich werden 150 Millionen Tonnen Reis von den Chinesen gegessen. Und wieviel Reis gibt es jährlich auf dem Getreidemarkt der Welt? Höchstens Dutzende Millionen Tonnen. Sie können sich gut vorstellen, wenn alle Chinesen sich zum Weltmarkt stürmten, um Reis zu kaufen, wie sähe die Welt aus? So sage ich, die Ernährung war in den letzten 2000 Jahren und ist immer noch sehr wichtig für China. Dieses Problem gelöst zu haben, ist ein großer Fortschritt. Ein Amerikaner hat die Frage gestellt: "Wer ernährt die Chinesen?" Mit unseren Taten haben wir ihm die Antwort gegeben: Wir Chinesen ernähren uns selbst .

---FR: So muss es auch sein. Chinas Problem ist leicht zu beschreiben. Alles mal 1,3 Milliarden ist immer eine Riesensumme, aber geteilt durch 1,3 Milliarden schrumpft alles auf eine Winzigkeit zusammen.

---Wu: Ich glaube, Sie müssen viel über China recherchiert haben. Der Satz stammt von unserem Ministerpräsidenten Wen Jiabao. Sie haben völlig recht.

---FR: Ertappt. Sie haben gestern erwähnt, man könne voller Stolz auf die Geschichte in den letzten 60 Jahren und voller Zuversicht in die Zukunft blicken.

---Wu: Das stimmt.

---FR: Nur Zuversicht? Wir haben gerade gesagt, alles mal 1,3 Milliarden ist immer eine Riesensumme. Nun sind wir auch mit vielen großen Problemen konfrontiert. Macht sich China gar keine Sorgen um die Zukunft? Rechnen Sie nicht mal mit Risiko?

---Wu: Woher kommt unsere Zuversicht? Erstens haben wir den Weg für die Entwicklung Chinas gefunden. Bei der Gründung der VR China im Jahr 1949 sagte ein Ausländer: "Egal, ob du ein Engel, ein Teufel oder ein Kommunist bist, schaffst du nicht, über China zu regieren, weil dieses Land zu groß und zu arm ist, und die Chinesen zu ungeschlossen sind." Was Engel und Teufel nicht schaffen können, hat die Kommunistische Partei Chinas erreicht, weil wir den Gegebenheiten Chinas anpassenden Weg gefunden haben. Der zweite Grund für unsere Zuversicht ist die Unterstützung der Bevölkerung. Ich glaube, Sie haben die neuere Geschichte Chinas gelesen. Im Jahr 1911 stürzten wir die feudale Herrschaft der Qing-Dynastie. Danach wurden unterschiedliche Regierungsformen ausprobiert, auch das parlamentarische Modell. Es gab eine Zeit in der chinesischen Geschichte, da gab es in China landesweit mehr als 130 Parteien. Das Ergebnis war die Spaltung Chinas und Bürgerkriege. Schon damals hatte das chinesische Volk zwei Wünsche: die Befreiung Chinas und ein reiches, starkes China. Es war die Kommunistische Partei Chinas, die die Nation im Jahr 1949 erfolgreich befreite und die erste Aufgabe erfüllte. In den vergangenen 60 Jahren ist es uns gelungen, das Volk Schritt für Schritt zum Wohlstand zu bringen. Und das Land ist auch stärker geworden. Wir sind gerade dabei, das zweite Ziel schrittweise zu erreichen. Sie sind vielleicht noch bisschen skeptisch über meine Worte. Im letzten Jahr hat Pew Research Center in den USA eine Umfrage in 17 Ländern gemacht, wonach 82% der befragten Chinesen mit dem jetzigen Zustand in China zufrieden und 86% optimistisch über die Zukunft Chinas sind. Die beiden Indexe belegen den 1. Platz unter den 17 Ländern.

---FR: Sie meinen, nach 1949 wurden viele Erfolge Schritt für Schritt erzielt. In der Tat gab es darüber hinaus auch "den Großen Sprung nach vorn" und die Kulturrevolution. Die Erfolge, die China unter der Führung der KP Chinas erzielt hat, beziehen sich unserer Meinung nach nicht auf die letzten 60 Jahre, sondern nur auf die vergangenen 25 Jahre.

---Wu: Ich sehe die Sache so: Die vergangenen 60 Jahre sollten als Ganzes betrachtet werden. Ohne die Erfahrungen der ersten 30 Jahre, ohne die damals gelegte industrielle Grundlage wären die Erfolge der letzten 30 Jahre nicht möglich gewesen. Ich bin in Harbin, der Hauptstadt der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang, aufgewachsen. Meine Eltern arbeiteten damals in einem Kohlekraftwerk, das heute weltklassige Anlagen bauen kann. Dessen Grundlage wird in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gelegt. Wir glauben, die vergangenen 60 Jahre sind nicht glatt gelaufen. Wir haben auch Fehler gemacht, z.B. "Großer Sprung nach vorne" und die Kulturrevolution, die ich miterlebt habe. Wir Chinesen betrachten eine Sache dialektisch und glauben, dass sich negative Dinge zu positiven verwandeln können, z.B. die Kulturrevolution, die wir für eine katastrophale politische Bewegung halten, aber man kann sich vorstellen, es hätte nicht die Kulturrevolution gegeben, der Widerstand gegen die Öffungspolitik von Deng Xiaoping im Jahr 1978 wäre riesig gewesen. Auch kluge Menschen und kluge Regierungen machen Fehler. Aber sie verstehen es, Erfahrungen zu sammeln und Lektionen zu ziehen, um voran zu gehen. Das ist der dritte Grund für meine Zuversicht.

---FR: Dazu möchte ich noch was sagen. Was die industrielle Entwicklung Chinas angeht, erreichte sie in der Zeit von Liu Shaoqi und Zhou Enlai ein bestimmtes Niveau, und das Niveau vor der Kulturrevolution näherte dem Weltniveau mehr als danach. Wie Sie sagen, war die Kulturrevolution eine Katastrophe. Die hat zum systematischen Zusammenbruch geführt, aber dennoch die Reform und Öffnungspolitik eingeleitet. Da möchte ich meine Frage stellen. Sie sagen, China hat Fehler macht, das gilt der ganzen Welt, aber wir können Fehler korrigieren und nach vorne schreiten. Das war jedoch ein Fehler, der Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Erlauben Sie auch manchen Leuten Trauer und sogar Wut?

---Wu: In der Weltgeschichte ist vieles passiert, was nicht passieren soll. Auch in der chinesischen Geschichte. Ich kann Ihnen verraten, meine Eltern wurden während der Kulturrevolution auch "in den Kuhstall eingesperrt" (*unter harten Bedingungen schwere körperliche Arbeit auf dem Lande leisten). Ich war damals 16 Jahre alt, kam aufs Land und arbeitete dort für 5 Jahre.

---FR: Und haben Sie das Rote Buch geschwungen?

---Wu: Ich konnte wegen meiner Klassenzugehörigkeit nicht bei den Roten Garden sein.

---FR: Ach, Sie hatten eine problematische Klassenzugehörigkeit?

---Wu: Ja. Sie haben richtig verstanden. Ich konnte Schule nur bis zur 7. Klasse besuchen. Später kam ich direkt an die Uni. Dazwischen gab es keine weitere Schule.

---FR: Könnten Sie die konkreten Jahrezahlen nennen?

---Wu: 1966 schloss ich die 7. Klasse ab, in diesem Jahr begann die Kulturrevolution. Ich bin 1952 geboren. Sie können selber rechnen, wie alt ich damals war. 1968 kam ich aufs Land und arbeitete bei einer Farm im Nordosten Chinas. Da war ich 16 Jahre alt. Erst 1973 bekam ich wieder eine Chance zu lernen und konnte an die Uni. Meines Erachtens verdienen alle, die ungerecht behandelt wurden, und in der Kulturrevolution oder in einer anderen politischen Bewegung unschuldig ums Leben kamen, dass ihrer gedacht wird. Einer meiner Onkel war Rektor einer Universität in Beijing und wurde erschlagen. Es war keine Katastrophe für einen Einzelnen, sondern für die ganze Nation. Aber während wir Chinesen der Gestorbenen gedenken, bleiben wir nicht bei der Phase der Trauer. Wenn es so wäre, hätte diese Nation und dieses Land gar keine Hoffnung. So wie Deutschland,

Sie haben die bitteren Lektionen der zwei Weltkriege erlebt. Aber

das deutsche Volk ist aufgestanden und geht voran. Wir fassen auch unsere Erfahrungen zusammen und kommen auf dieser Basis voran. Unser Land besser aufzubauen, ist die beste Form, der Opfer zu gedenken. Eine Nation, die ausschließlich in der Vergangenheit lebt, hat keine Hoffnung. Unser Ministerpräsident sagt, nur die Menschen, die in den Himmel und auf die Sterne sehen, haben Hoffnung. Er schreibt kaum Gedichte, aber er hat das Gedicht "In den Himmel und auf die Sterne sehen" geschrieben:

"Ich blicke hinauf in den sternenübersäten Himmel.

Er ist tief und weit und verspricht letztendliche Wahrheit.

Ich bin ein Suchender, verfolge neue Ziele, jeder Schritt davon von Schmerzen gezeichnet."

Nur solch eine Nation ist eine Nation mit Hoffnung. Eine Nation braucht Ambition. Wenn sie nur die winzigen Interessen sieht, die vor ihren Augen liegen, geht diese Nation nicht weit voran.

---FR: Sie haben gesagt, dass die erste Ambition - die Befreiung der Nation - 1949 erreicht war. Die zweite Ambition - die "Ernährung" ist heute auch in Erfüllung gegangen. Nun, was ist die nächste Ambition?

---Wu: Die nächste ist: das chinesische Volk noch reicher und China noch stärker zu machen, damit China einen noch größeren Beitrag zum Frieden und zur Entwicklung in der Welt leisten kann. Gestern habe ich ein Beispiel genannt: Das Prokopfeinkommen eines Chinesen betrug im vergangenen Jahr 3350 US-Dollar. Das deutsche Durchschnittsjahreseinkommen liegt bei über 40 000 US-Dollar. Das ist ein riesiger Abstand. Wir beneiden Deutschland um das Sozialsystem, aber China kann es sich nicht leisten. Ein anderes Beispiel ist, unser Land ist riesig, aber die Entwicklung in China ist sehr unausgewogen. Sie waren im Mai in China. Wenn Sie nach Shanghai, Beijing und Guangzhou reisen, werden Sie hochentwickelte Städte erleben. Aber wenn Sie aufs Land fahren, können Sie herausfinden, dass es dort immer noch sehr arm ist. Ich war von 1968 bis 1973 auf dem Lande, und zwar für 5 Jahre lang. Ich weiß, dass die ländlichen Regionen immer noch sehr rückständig sind.

---FR: Wo befindet sich Heilongjiang?

---Wu: Im Nordosten Chinas, nahe Sibirien. Heilongjiang gilt noch nicht als arm, weil es dort viel Ackerland und wenige Einwohner gibt. Die mittleren und westlichen Regionen Chinas sind ziemlich arm. Das war der Grund, warum wir sagen, China ist zwar groß, aber nicht stark, während manche Freunde in China ein sehr starkes Land und sogar eine Weltmacht sieht. Manche stellen die andere Frage: China ist mächtig geworden. Was wird es in Zukunft tun? Den anderen gegenüber Aggressionen machen? Wie wir wissen, in der Geschichte der neueren Zeit haben die europäischen Staaten ihren Aufstieg, ihre Entwicklung der Übersee-Kolonialisierung und der Anwendung der Gewalt zu verdanken. Offen gesagt, ohne die Ausbeutung der Rohstoffe und der billigen Arbeitskraft der Kolonien hätte sich die westliche Modernisierung nicht so schnell entwickelt. Hingegen baut die Entwicklung Chinas völlig auf unserer eigenen Kraft und auf der Zusammenarbeit mit anderen Staaten, inklusive Deutschland auf. China hat in den vergangenen 60 Jahren Frieden und Entwicklung in der Welt gefördert. In Zukunft werden wir weiteren Beitrag zum Frieden und zur Stabilität der Welt leisten - das ist nämlich unsere große Ambition.

---FR: Das Handelsvolumen der Volksrepublik China mit der Bundesrepublik ist so groß wie das mit Frankreich, Großbritannien und Italien zusammen. Heißt das, dass der Posten hier in Deutschland der wichtigste in Europa ist?

---Wu: Man kann nicht so sagen. Verschiedene Länder haben verschiedene Verhältnisse. Frankreich und Großbritannien zum Beispiel gehören zum ständigen Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

---FR: Das ist ein sehr guter Blickwinkel. Ich möchte gerne wissen, was Sie getan haben, bevor Sie Botschafter in Deutschland sind?

---Wu: Vorher habe ich mich mit verschiedener Arbeit beschäftigt. Mit welcher Zeit soll ich anfangen?

---FR: Was waren Ihre letzten zwei Posten?

---Wu: Bevor ich nach Deutschland kam, war ich assistierender Außenminister (im Range des Vize-Außenministers) und zuständig für drei Hauptaufgaben: die europäischen Angelegenheiten, wozu Russland nicht gehört, vor allem die 27 EU-Länder; die konsularischen Angelegenheiten auf der ganzen Erde.

---Widmann: So wissen Sie, dass ich im Mai in China war? Weil Sie für die konsularische Arbeit zuständig waren.

---Wu: (lacht) Nein, nicht aus diesem Grunde. Sie (deutet mit dem Finger auf die anwesende Botschaftsrätin für Presse, Frau Sun Ruiying) hat mir das erzählt. Und die Presse gehörte zum dritten Bereich meiner Aufgabe.

---FR: Haben Sie selbst den Posten als Botschafter in Deutschland ausgewählt?

---Wu: Eben habe ich nur Ihre erste Frage beantwortet. Zu Ihrer zweiten Frage: Bevor ich assistierender Außenminister war, fungierte ich als Direktor der Kanzlei des Außenministeriums, war also zuständig für die Administration des Außenministeriums.

Den Posten als Botschafter in Deutschland konnte ich nicht selbst bestimmen. Beim chinesischen Außenministerium kann ein Diplomat zwar auswählen, in welchem Land und mit welcher Position er tätig sein möchte. Aber die endgültige Entscheidung liegt bei einer speziellen Kommission, die nach Prüfung beschließt, ob sie deine Auswahl annimmt oder nicht. Der Kandidat für den Posten als Botschafter in einem so wichtigen Land wie Deutschland wird vom Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses - des höchsten Machtorgans Chinas, geprüft und gebilligt. Danch wird der Staatspräsident den Botschafter ernennen. Kurzum, du kannst auswählen, aber du kannst nicht unbedingt den gewünschten Posten bekommen. Das gilt wohl allen diplomatischen Kreisen in der Welt.

---FR: Sie wollten nach London und mussten nach Berlin?

---Wu: Wir haben in London eine sehr kompetente Botschafterin. Sie war meine Kommilitonin. Sie sagen "Lady first", nicht wahr? ---Widmann:(lacht) Eine sehr gute Antwort.

---FR: Ich habe noch eine Frage: Ich persönlich kann das Chaos im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse völlig nicht verstehen. Was für Sorgen macht sich China, wenn Yan Lianke zur Buchmesse kommt? Wir können auch einen anderen Autor als Beispiel nennen. Meine Frage ist, was ist noch schlimmer als die Tatsache, dass China von 15 oder 20 Intellektuellen an der Nase herumführen lässt?

---Wu: Die Frankfurter Buchmesse findet vom 14. bis 18. Oktober statt. Sie ist sowohl für Deutschland als auch für China ein wichtiges Ereignis. Es werden mehr als 100 chinesische Verlage teilnehmen, und mehr als 1000 Autoren, Verlagsleute und Künstler werden nach Frankfurt reisen. Es wird mehr als 500 Veranstaltungen geben. 2007 war Deutschland das Gastland der Beijinger Internationalen Buchmesse. Der Auftritt Chinas als Ehrengast bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse stellt die nochmalige Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Verlagswesens zwischen China und Deutschland dar. Diesmal werden viele berühmte chinesische Experten, Gelehrte und einschließlich zahlreicher Autoren nach Frankfurt kommen. Ich hoffe, dass Sie bei Gelegenheit sie interviewen könnten, um ihre Ansichten über das Verlagswesen und die Entwicklung des Kulturwesens Chinas zu erfahren, damit Sie ein ausgewogeneres Bild von China erhalten können. Was die Anreise von einem, einigen oder dutzenden Autoren angeht, kenne ich nicht unbedingt die konkreten Fälle. Ich gehöre nicht zum Organisationskomitee. Aber wenn Sie die Geduld aufbringen, meine persönliche Meinung zu hören: In der Verfassung der VR China ist festgelegt, dass alle Bürger Recht auf Meinungs- und Publikationsfreiheit hat. Das soll Artikel 35 sein, wenn ich mich nicht irre. Nach Artikel 51 dürfen Bürger der VR China bei der Ausübung der Freiheit und Rechte des Einzelnen die Interessen des Staates, der Gesellschaft, des Kollektivs sowie die Freiheiten und Rechte anderer Bürger nicht verletzen. Das heißt, bei der Ausübung der Meinungs- und Publikationsfreiheit muss ein chinesischer Bürger im Rechtsrahmen handeln. Egal, ob du Journalist, Beamter, Autor oder einfache Person bist , die Verfassung gilt für jeden. Vor dem Gesetz sind alle gleich. China hat über Tausende und Abertausende Autoren und Künstler. Wir können nicht jeden von ihnen zur Frankfurter Buchmesse schicken. Was vor kurzem in Frankfurt passiert ist, erinnert mich an etwas in China, was hier in Deutschland wahrscheinlich nicht gibt. In China spielen viele Leute im Sommer Schach im Freien, und zwar so gegenübersitzend wie wir beide. Zwei Leute spielen Schach. Da kommt ein Dritter dazu und will mir sagen, wie ich spielen soll. Ich sage ihm: Sei ruhig! Jetzt spiele ich, nicht du. Dann stößt der das Schachbrett um. So jemand nennen wir einen Spielverderber. Wir begegneten solchen Spielverderbern. Im letzten Jahr gab es vor und während der Olympischen Spiele viele Spielverderber. Aber sie hatten keinen Erfolg. Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse sah man jetzt wieder diese Gestalten.

---FR: War das eine diplomatische Antwort oder habe ich mich etwa unklar ausgedrückt? Meine Frage ist: Manche Autoren werden von der deutschen Seite, die bereit ist, die Kosten von ihnen zu übernehmen, eingeladen. Aber der chinesische Staat gibt ihnen keine Ausreisegenehmigung. Ich verstehe nicht, warum die Behörde Chinas einigen Autoren die Reise zur Buchmesse nach Frankfurt verwehrt. Es gibt einige Hunderte Veranstaltungen vom Gastland China. Diese Autoren hierher zu schicken, wäre ein Zeichen der Souveränität Chinas. Sonst würde es dem Ansehen Chinas schaden.

---Wu: Ich haben eben gesagt: Die Taten des Einzelnen werden von den Gesetzen gebunden. Die Vorschriften, die gesetzlich festgeschrieben sind, dürfen nicht verstoßen werden. Wenn es Fälle gäbe, bei denen die Chinesen, die Einladung von der deutschen Seite bekommen haben, nicht ausreisen dürfen, muss es dafür einen rechtlichen Grund geben. Ich glaube, bei dieser Frage sollen Sie sich statt nach Ihren Gesetzen und Ihrem politischen System eher nach den Gesetzen und dem System Chinas richten. China hat den Autoren und Künstlern die günstigsten Rahmenbedingungen geschafft. Aber alle Taten, die gegen die chinesischen Gesetze verstoßen, müssen verhindert werden.

---FR: Was für Gesetze gibt es? Gibt es ein Gesetz in China, das dem chinesischen Bürger sagt, er dürfe im Ausland bestimmte Äußerungen nicht tun?

---Wu: Meinung ist nicht gleich Meinung. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. Kurz nach dem 11. September brachte Voice of America ein Interview mit Al-Qaida-Vertretern. Der amtierende Intendant und der Zuständige wurden gefeuert.

---FR: Davon habe ich gehört. Es war eine idiotische und grundlose Entscheidung, weil man die Gegenseite analysieren muss.

---Wu: Ich glaube, es gibt auch etwas Ähnliches in Deutschland. Die Freiheit für Kritik an China ist hier hunderprozentig gesichert. China zu loben, gibt es keine hundertprozentige Freiheit. Nun gar die kommunistische Partei zu loben, das traut sich doch keiner.

---FR: Es gibt viele, die die kommunistische Partei Chinas loben, z.B. der prominente ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt.

---Wu: Aber Ihre Journalisten trauen sich das nicht.

---FR: Die sind nicht zum Loben da.

---Wu: So kehrt man zum Punkt der Vorstellung über die Presse. Sie werden sagen: In Deutschland haben wir das Recht, alle Politiker zu kritisieren.

---Widmann: Und abzuwählen, wie es gerade passiert ist. (*in Bezug auf die Bundestagswahl.)

---Wu: Sie wollen fragen, warum Sie dann China nicht kritisieren dürfen? Diese Frage möchte ich Ihnen beantworten. Sie leben in Deutschland, und ich auch. Auch wenn es in Ihren Zeitungen lauter kritische Artikel über die deutsche Bundesregierung herrscht, weiß ich, wie es wirklich in Deutschland ist. Ich habe meine eigene Beurteilung im Kopf und weiß, dass es nicht stimmt, was Sie geschrieben haben. Sie sind nicht nur ein Journalist, sondern auch ein Leser. Ich nehme an, als Leser würden Sie meiner Ansicht zustimmen. Aber wie viele Deutsche kennen wirklich China? Und wie viele kennen überhaupt die Dritte Welt, die Entwicklungsländer? Wenn Sie alles Kritische zusammen für ein, zwei, zehn und sogar zwanzig Jahre tragen, wie wird das Land aussehen? Ein ziemlich furchtbares Land! Die Journalisten können nicht bestimmen, wie die Leute denken, aber sie können die Leser in eine Denkrichtung lenken. Als die Olympischen Spiele im lezten Jahr endete, begegnete ich vielen ausländischen Freunden. Ihr erster Eindruck war, dass sie ein neues China entdeckten. Aber wie Sie wissen, es ist unmöglich, dass sich China binnen paar Tagen während der Olympiade verwandelt, insbesondere unmöglich, dass das 1,3 Milliarden Einwohner zählende Land binnen wenigen Tagen ein ganz anderes Bild in den Augen der anderen gewinnt. Nun kommen wir zum Thema zurück, sind Ihre Berichte über China etwa einseitig? Ich habe ein chinesisches Buch gelesen, in dem zwei sehr interessante Geschichten stehen. Es handelt sich um die Chinesen um 1840. Die erste Geschichte: Damals glaubten manche Chinesen, die Europäer aßen sehr gerne Rind- und Lammfleisch, aber sie müssten bei der Verzehrung des Fleisches unbedingt Tee trinken, um es zu verdauen. Wenn die Chinesen ihnen keinen Tee verkauften, würden die Europäer vor Überessen sterben.

---Widmann: (lacht) Das war eine gute Idee.

---Wu: Die zweite Geschichte ist: Manche Chinesen glaubten, die Westler haben lange und gerade Beine. Wenn man einem Westler einen Bambusknüppel zwischen die Beine warf, schaffte er kaum, sich vom Boden aufzurichten. Das löst jetzt schallendes Gelächter aus, aber manche Chinesen in jener Zeit dachten tatsächlich so, weil sie China für am fortschrittlichsten und die anderen Länder für barbarisch und unterentwickelt hielten. Das war der Grund, warum China in den letzten mehr als 100 Jahren rückständig war und sich der Aggression aussetzte. Ich hoffe, dass unsere deutschen Freunde, besonders die Freunde aus der Presse, einen vergleichbar dummen Fehler, wie ihn manche Chinesen damals machten, nicht begehen werden. Man soll China mit einer offenen Haltung betrachten. Die Unterschiede zwischen Kulturen, Gesellschaftssystemen und Rechtswesen sollen gestanden werden. Wir sollen in aller Ruhe und gelassen Gedankenaustausch machen und auf keinen Fall Spielverderber sein.

---FR: Vielen Dank!

---Wu: Das Gespräch mit Ihnen war eine Freude für mich.

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