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Botschafter Shi Mingde gab BILD ein Interview
2012/09/13
 

Kurz vor der zweiten Runde der Regierungskonsultationen zwischen China und Deutschland gab Herr Botschafter Shi BILD ein Interview, das am 30. August online veröffentlicht wurde.

BILD.DE: Herr Shi, woher rührt Ihr Interesse an Deutschland?

Shi Mingde: Mit 9 Jahren, schon in der 3. Klasse habe ich angefangen, Deutsch zu lernen. Genau vor 40 Jahren studierte ich Germanistik in Berlin. In meiner diplomatischen Laufbahn habe ich mit Abständen insgesamt mehr als 20 Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet, sowohl im Osten als auch im Westen. In China spricht man gern von sogenannter „Fügung", ich denke, das Wort könnte vielleicht auch meine Verbindung zu Deutschland erklären.

Und was interessiert China an Deutschland? Immerhin führt die Volksrepublik mit keinem anderen europäischen Land einen Regierungsdialog auf so hohem Niveau.

Die Beziehungen zwischen China und Deutschland können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Deutschland hat so viele großartige Denker und Wissenschaftler hervorgebracht. In der Nachkriegszeit haben die Deutschen aus den Trümmern ein Wirtschaftswunder geschaffen. Made in Germany stellt das Symbol für zuverlässige Qualität in der Welt dar. Wir haben großen Respekt vor den Leistungen Deutschlands. In diesem Jahr begehen wir den 40. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen beider Länder. Wir stehen jetzt auf dem historischen Höhepunkt unserer Beziehungen. Es verzeichnet einen intensiven Besuchsaustausch auf hoher politischer Ebene.

Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen zwischen China und Deutschland 169,2 Mrd. US-Dollar, das fast 30% des Gesamthandelsvolumens zwischen China und EU, soviel wie zwischen China, Frankreich, Italien und Spanien zusammengenommen. China und Deutschland sind die größten Realwirtschaften und Exportnationen der Welt. Auch in wichtigen internationalen und regionalen Fragen vertreten wir gleiche oder ähnliche Positionen. Es besteht ein großes Potenzial für die Zukunft der Kooperation. Wir haben alle Gründe, gemeinsam die gute Zusammenarbeit auf allen Gebieten weiter erfolgreich voranzutreiben.

Merkel war gerade in China, Wen gerade in Deutschland: Sind die Konsultationen jetzt wirklich nötig oder liefern sie nur schöne Bilder kurz vor dem Führungswechsel in China?

Der Ministerpräsident Wen Jiabao hat sechsmal Deutschland besucht, nun wird die Bundeskanzlerin Frau Merkel ihre sechste Chinareise antreten. 2010 haben China und Deutschland die Aufnahme der Regierungskonsultationen vereinbart mit dem Ziel, die strategische Partnerschaft beider Länder mit substanziellen Inhalten zu füllen. Bei den ersten Konsultationen wurden mehrere Plattformen der Kooperation in Wirtschaft, Wissenschaft, Industrie und im Bildungswesen geschaffen.

In den bevorstehenden Konsultationen, an denen mehrere Minister beider Regierungen teilnehmen, ist eine gemeinsame Erklärung geplant, in der wichtige Weichen für weitere vielschichtige, ministerienübergeifende, ergebnisorientierte Zusammenarbeit gestellt werden. Es wird schöne Bilder geben, aber noch wichtiger sind die Ergebnisse der Bemühungen beider Seiten, unsere Beziehungen langfristig und nachhaltig zu gestalten.

Welchen Ruf hat Deutschland in China?

Deutschland verfügt in China durchaus über einen guten Ruf. Für viele Chinesen steht Deutschland für Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin und Beharrlichkeit. Es wird besonders geschätzt, dass alle Bundesregierungen stets klar zu Ein-China-Politik stehen.

Und wie empfinden Sie Chinas Ruf in Deutschland?

Mit der rasanten Entwicklung Chinas wächst in Deutschland, in Europa und weltweit ein zunehmendes Interesse an China. Aber ich habe den Eindruck, das hier oft ein China-Bild vermittelt wird, das nicht ganz der Realität in China entspricht. Oft werden die schnelle wirtschaftliche Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit Chinas mit sogenannter „Bedrohung" verwechselt. Gerade in der Zeit der Finanzkrise hat China sich als treibender Motor des weltweiten Wachstum erwiesen. China stellt mit seiner starken wirtschaftlicher Leistung einen riesigen Markt und Investitionsstandort für alle dar, und bietet immer breitere Perspektive der guten Zusammenarbeit. China geht einen Weg der friedlichen Entwicklung , wir streben nicht nach einseitigem Vorteil, sondern suchen nach einer guter Kooperation, die eine Win-Win Situation für alle Beteiligten bedeutet.

Was kann man tun, um das gegenseitige Verständnis zu verbessern?

In China sagt man, einmal sehen ist besser als hundertmal hören. Viele, die China mit eigenen Augen gesehen haben, kommen mit ganz anderem Eindruck zurück, sehen China aus ganz anderer Sicht. Es besteht ein großer Nachholbedarf an gegenseitigem Verständnis. Es soll mehr Austausch auf allen Ebenen stattfinden. Auch in der Zeit der Globalisierung und mit modernsten Kommunikationsmitteln kann nichts direkte Begegnungen zwischen den Menschen ersetzen. Mehr Kennenlernen bedeutet mehr Verstehen, mehr Austausch führt zu mehr Vertrauen.

...und dieses Vertrauen wird aus Ihrer Sicht untergraben, wenn die Bundeskanzlerin bei jedem China-Besuch Regimekritiker trifft?

Es ist normal, dass wir aufgrund verschiedener Kultur, Tradition, gesellschaftlicher Ordnung und Wertvorstellung zu manchen Fragen unterschiedliche Meinungen haben. Wir sind dafür, auf der Grundlage der Gleichberechtigung und der gegenseitigen Achtung Dialog zu führen, um uns besser zu verstehen. Bis jetzt sind zwischen China und EU 31 Runden und zwischen China und Deutschland neun Runden von Dialogen über Menschenrechtsfragen stattgefunden, bei denen offene und aufrichtige Gespräche geführt wurden, die zum beidseitigen Verständnis beigetragen haben. Eine weitere Runde des bilateralen Dialogs zu diesem Thema ist für nächste Zeit geplant.

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