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Interview von Herrn Botschafter MA Canrong, Volksrepublik China mit Neue Osnabrueck-Zeitung vom 5.Januar 2005
2005/01/24

Interview von Herrn Botschafter MA Canrong, Volksrepublik China mit Neue Osnabrueck-Zeitung vom 5.Januar 2005

Exzellenz, Sie haben Bundeskanzler Schroeder vor einem Monat auf einer China-Reise begleitet. Ihr Ministerpraesident Wen Jaobao bezeichnete damals die Begegnung mit dem deutschen Gast in Peking als Familientreffen? Ist das Ausdruck einer guten Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und China?

Ma: Ja, durchaus. Der Besuch von Bundeskanzler Schroeder war bereits der sechste seit seiner Amtuebernahme 1998, und er verlief in jeder Hinsicht erfolgreich. Es herrschte Uebereinstimmung in wichtigen Fragen sowie Verstaendnis fuer Schwierigkeiten und Probleme der jeweils anderen Seite. Die Atmosphaere war dabei so herzlich, dass unser Premier sie dann auch als familiaer bezeichnete.

Schroeder hat danach die Hoffnung geaeussert, dass sich das Handelsvolumen zwischen Deutschland und China bis 2010 auf 100 Milliarden Euro pro Jahr verdoppelt. Ist das auch aus Ihrer Sicht ein erstrebenswertes und realistisches Ziel?

Ma: Dieses Ziel ist bereits im Mai bei einem Besuch von Premier Jaobao in Deutschland vereinbart worden. Wenn man sieht, wie sprunghaft sich das Handelsvolumen in den letzten Jahren entwickelt hat ?0 % Zuwachs in 2003, 30 % in 2004-, und sich dieser Trend auch nur annaehernd fortsetzt, dann koennten die angepeilten 100 Milliarden US-Dollar meiner Ueberzeugung nach schon vorzeitig erreicht werden. Beide Seiten sind jedenfalls sehr an einer Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen interessiert.

Einen Schwerpunkt fuer Investitionen deutscher Firmen in China koennte der Energiebereich bilden. Wie gross ist das Interesse Ihres Landes beispielsweise an deutschen Kernkraftwerken oder auch an Projekten der erneuerbaren Energie, etwa Windkraftanlagen?

Ma: Der Energiesektor hat fuer China enorme Bedeutung. Fuer den wirtschaftlichen Aufbau und die Modernisierung des Landes wird immer mehr Energie benoetigt. Wir haben zwar grosse Ressourcen an Kohle und Wasserkraft; bei Erdoel sind wir aber auf Importe angewiesen. Fuer die Zukunft setzen wir verstaerkt auf erneuerbare Energien wie Solar- und Windenergie.

Und Kernkraft?

Ma: Auch da gibt es einen Ausbau; wir werden in den naechsten Jahrzehnten viele neue Kernkraftwerke errichten.

Auch mit deutscher Technik?

Ma: Frueher waren wir daran sehr interessiert. Aber weil Deutschland inzwischen nicht mehr so auf die Nutzung dieser Technik setzt, werden wir auf diesem Gebiet wohl mehr mit anderen Laendern zusammenarbeiten.

Hat China denn noch Interesse an den Hanauer Nuklearanlagen, deren Ausfuhr in Deutschland umstritten ist?

Ma: Zwischen Firmen beider Laender gab es Kontakte wegen eines Kaufs der Fabrikanlagen. Diese Kontakte sind eingestellt, nachdem es in der Bundesregierung Schwierigkeiten wegen einer Ausfuhrgenehmigung gab. Wir koennen warten, bis diese Schwierigkeiten ueberwunden sind.

Ein Projekt, das im Emsland erprobt wurde, ist inzwischen in Shanghai erfolgreich realisiert: die Magnetschwebebahn Transrapid. Wie stehen die Chancen fuer eine Verlaengerungsstrecke bzw. weitere Routen fuer den Transrapid in China?

Ma: Der Transrapid ist seit einem Jahr in Shanghai in kommerziellem Betrieb, und er laeuft gut. Die Technik ist hochmodern. Man prueft jetzt, ob diese Strecke in den Sueden Chinas, nach Hangzhou, verlaengert wird, oder ob es weitere Strecken geben kann. Ich bin mir sicher: Diese Technik wird eine grosse Zukunft haben, nicht nur in China.

Aber auch in China?

Ma: Auch in China.

Das chinesische Unternehmen Lenovo uebernimmt die Computer-Sparte von IBM und wird damit zum drittgroesstten Hersteller weltweit; Shanghai Automotive interessiert sich fuer Rover. Wann steigt China, salopp gesagt, bei VW ein? Koennte es demnaechst von chinesischer Seite auch Uebernahmen deutscher Grossunternehmen geben?

Ma: Unsere Regierung ermuntert unsere Unternehmen, sich im Ausland zu engagieren und die technische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu suchen. Auch in Deutschland hat es bereits erste Engagements gegeben; manche erfolgreich, manche weniger. Das alles steht erst am Anfang. Der deutsche Markt ist riesig, aber fuer chinesische Unternehmen noch Neuland. In Zeiten der Globalisierung wird es jedoch ein normaler Prozess sein, dass es zu wechselseitigen Beteiligungen kommt --- auch zwischen Unternehmen in Deutschland und China.

China draengt auf die Aufhebung des Waffenembargos der EU. Warum?

Ma: Das ist ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Das Embargo wurde vor 15 Jahren erlassen. Seitdem hat sich enorm viel getan; die EU strebt zum Beispiel eine strategische Partnerschaft mit China an. Dazu passt das Embargo erhaupt nicht; es ist eine politische Diskriminierung. Daher muss es aufgehoben werden. China ist heute ganz auf den wirtschaftlichen Aufbau und die Entwicklung der Gesellschaft konzentriert und hat keineswegs die Absicht, nach einer Aufhebung des Embargos in groesserem Umfang Waffen zu kaufen. Wir betrachten das eher als politische Geste.

Rechnen Sie mit einer Entscheidung in Ihrem Sinne noch dieses Jahr?

Ma: Wir hoffen es. Die EU sollte so frueh wie moeglich diese politisch weitsichtige Entscheidung treffen. Das wuerde der Entwicklung auf beiden Seiten gut tun.

Auch im Zusammenhang mit der Kanzlerreise ist wieder Kritik an der Menschenrechtssituation in Ihrem Land aufgeflammt. Amnesty international beklagt etwa anhaltende Folter und Unterdrueckung von Dissidenten. Was unternimmt China, um solchen Vorwuerfen den Naehrboden zu entziehen?

Ma: Wir legen grossen Wert auf Menschenrechte und haben auch erhebliche Fortschritte zu verzeichnen. Einige Beispiele: Vor 50 Jahren lag die Lebenserwartung in China bei 35 Jahren, jetzt bei 71. Wir haben Hungersnot ueberwunden; mehr als eine Milliarde Menschen koennen Wohlstand auf niedrigem Niveau geniessen. Mehr als 200 Millionen Einwohner wurden aus der absoluten Armut befreit. Bei den politischen Rechten haben wir ebenfalls grosse Fortschritte gemacht, auch wenn noch nicht alles vollkommen ist. China ist Entwicklungsland, also noch rueckstaendig. Wir wollen uns weiter oeffnen, wollen mehr Austausch, mehr internationale Zusammenarbeit. Und wir sind fuer einen Dialog ueber Menschenrechte, allerdings gegen Druck von aussen, um politisch etwas zu erzwingen.

Welche Bedeutung hat --- auch unter diesem Gesichtspunkt- die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2008 in Peking?

Ma: Mit der Olympiade werden auch die Wirtschaft, die Reformen, die Oeffnung zusaetzlichen Auftrieb erhalten. Ganz China freut sich darauf, dieses Sportfest moeglichst perfekt zu organisieren.

Noch einmal zu den deutsch-chinesischen Beziehungen: Wie koennten sich ausgeweitet und vertieft werden ?etwa durch Tourismus, Partnerschaften oder auch Studienmoeglichkeiten?

Ma: Gerade um die gegenseitige Verstaemdigung zu verstaerken, sind menschliche Kontakte von grosser Bedeutung. Dazu beitragen koennen der Tourismus, Staedte- und Regionalpartnerschaften und der Studentenaustausch. Wir freuen uns sehr, dass mehr als 30, 000 junge Chinesen in Deutschland studieren; umgekehrt sind es leider noch viel weniger (ungefaehr 1 000). Erfreulicherweise wird das Interesse an China in Deutschland immer groesser; allein im letzten Jahr haben hier ueber 3000 Kinder und Jugendliche Chinesisch als zweite Fremdsprache gewaehlt. Neben der deutlichen Zunahme des Tourismus --- und zwar in beide Richtungen- sind die Partnerschaften zwischen Staedten und Provinzen sehr wichtig. Mittlerweile gibt es 45 solcher Partnerschaften; sie funktionieren sehr gut. Es waere schoen, wenn noch mehr solcher Verbindungen entstehen koennten

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