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Neue Maßstäbe setzen für die Zusammenarbeit zum Vorteil aller
2014/10/27
 

Grundsatzrede beim 6. Hamburg Summit - China Meets Europe

Li Keqiang, Ministerpräsident der Volksrepublik China

Hamburg, 11. Oktober 2014

Sehr geehrter Herr Außenminister Steinmeier,

sehr geehrter Herr Premierminister Bettel,

sehr geehrter Herr Parlamentspräsident Schulz,

meine Damen und Herren,

Ich freue mich, dass ich am chinesisch-europäischen Forum des Hamburg Summit teilnehmen kann. Hamburg ist als „Weltstadt der Brücken" berühmt, über zweitausend Brücken prägen auf einzigartige Weise das Bild dieser Stadt. Doch für mich gibt es noch mehr unsichtbare Brücken, die Hamburg mit der ganzen Welt verbinden. Hamburg besitzt seit altersher eine Tradition des Freihandels, schon im 13. Jahrhundert bildete sich die Hanse. Heute hat Hamburg weltweit einen Namen als der schnellste Umschlaghafen Europas. Von drei Containern, die in Hamburg verschifft oder gelöscht werden, verkehrt einer zwischen China und Europa. Das zeigt uns die lange Tradition und die gegenwärtige Blüte des Austausches zwischen China und Europa.

Der diesjährige „Hamburg Summit – China meets Europe" hat ein breites Themenspektrum, eingeschlossen die gegenseitige Wahrnehmung Chinas und Europas, die Handels- und Investitionssysteme, Chinas Urbanisierung, das ökologische Wachstum und vieles mehr; daraus lässt sich ersehen, wie große Hoffnungen man allerseits auf die europäisch-chinesische Zusammenarbeit setzt. Kooperation setzt eine Vertiefung des Verständnisses voraus. Deswegen möchte ich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen einen Einblick in die aktuelle Lage und die Entwicklungsperspektiven der chinesischen Wirtschaft zu vermitteln.

Seit Beginn dieses Jahres war die chinesische Wirtschaft angesichts der komplizierten internationalen und nationalen Lage einem Abwärtsdruck ausgesetzt, doch sie blieb im Ganzen stabil. Das Wachstum im ersten Halbjahr betrug 7,4%, und im dritten Quartal hat sich diese Tendenz im Grundsatz fortgesetzt. Diese Wachstumsrate ist zwar niedriger als Chinas früheres Turbowachstum von etwa 10%, aber sie ist immer noch auf einem mittleren bis hohen Niveau. Im globalen Vergleich ist unser Wachstum hoch. Chinas Wirtschaftsvolumen ist schon ziemlich groß; ein Wachstum von 7% kommt in seinem Volumen dem früheren Wachstum von 10% gleich oder ist sogar größer. Es entspricht dem Gesamtvolumen einer mittleren Volkswirtschaft.

Zu Anfang dieses Jahres und in den letzten Monaten zeigten einige Indikatoren der chinesischen Wirtschaft in geringem Umfang Ausschläge, aber die Wirtschaft bewegt sich nach wie vor innerhalb einer vertretbaren Bandbreite. Gewisse Ausschläge sind unvermeidlich; ähnliche Ausschläge hat es auch in den letzten Jahren gegeben, und auch das Wachstum anderer Länder ist nicht rein linear. Wir haben das Ziel, dass sich unsere Wirtschaft weiterhin innerhalb einer vertretbaren Bandbreite bewegt, und das Wachstumsziel für dieses Jahr sind circa 7,5%. Ich bitte Sie, dieses „circa" zu beachten. Das heißt, wenn nur die Beschäftigung relativ gut bleibt und die Preise einigermaßen stabil bleiben, wenn die Einkommen synchron steigen und bei der Umwelt positive Ergebnisse erzielt werden, dann ist es auch akzeptabel, wenn das Wachstum etwas höher oder niedriger liegt als 7,5%. Das Allerwichtigste für die chinesische Regierung ist nach wie vor die Beschäftigung. Trotz der Wachstumsabschwächung in diesem Jahr ist die Beschäftigung nicht zurückgegangen, sondern sogar besser geworden. Vom Januar bis zum September ist die Zahl der Beschäftigten in den Städten um 10 Millionen gestiegen, das sind über 100.000 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die in 31 Großstädten ermittelte Arbeitslosenrate liegt weiterhin bei etwa 5%.

Die Entwicklung der Wirtschaft ist kein Kurzstreckenlauf, sondern ein Langstreckenlauf ohne Zielpunkt. Man muß ein gewisses Tempo beibehalten, doch noch wichtiger sind die Ausdauer und die Reserven. Die Qualität und Effektivität des chinesischen Wirtschaftswachstums nehmen zu – das ist es, was wir sehen wollen. Der Anteil des Dienstleistungssektors wächst weiter, neue Vertriebsformen wie E-Commerce, Logistik und Kurierdienste entwickeln sich schnell, die Hightechindustrie und der Anlagenbau wachsen schneller als die Industrie insgesamt, bei der industriellen Strukturanpassung und Optimierung sind Hürden überwunden worden. Bei der Energieeinsparung und der Reduktion von Emissionen hat es gute Noten gegeben; der Energieverbrauch pro BIP-Einheit ist im ersten Halbjahr um 4,2% zurückgegangen, der entsprechende CO2-Ausstoß ist um etwa 5% gesunken. Das ist die größte Reduktion seit Jahren. Die Einkommen unserer Bevölkerung steigen weiter, auch die Konsumnachfrage steigt stetig. Besonders der Konsum der breiten Bevölkerung wächst schnell, hier zeigen sich ganz konkrete Vorteile für die Menschen in unserem Land.

Diese Performance der chinesischen Wirtschaft beruht im Wesentlichen auf Reform und Innovation. Mit einem auf der Wirtschaft lastenden Abwärtsdruck konfrontiert, haben wir kein großangelegtes Konjunkturprogramm im Gießkannenstil gestartet, wir haben nicht den Geldhahn aufgedreht und das Defizit ausgeweitet, sondern wir haben energisch die Reformen vorangetrieben. Gleichzeitig mit einer Beschleunigung der Reformen bei den Schwerpunkten Verwaltung, Steuern und Finanzen, Finanzmarkt und Investitionen haben wir die Instrumente der Makrokontrolle reformiert und erneuert und strukturelle Steuerung durchgeführt, das heißt, wir haben aufbauend auf der Bandbreiten-Steuerung auch zielgerichtete Steuerung durchgeführt. Auch die Reformen bilden einen Konjunkturanreiz, sie vermögen die Mikro-Basis zu erneuern und das Makro-Umfeld zu optimieren, und sie setzen enorme Marktkräfte und eine hohe Kreativität in der Gesellschaft frei. Wir setzen eine Reihe von Reformmaßnahmen ein, um die Vitalität anzuregen, um Schwächen auszubessern und die Realwirtschaft zu stärken. Damit wollen wir die enormen Entwicklungsvorteile der Reform zum Tragen bringen.

Seit Anfang dieses Jahres geht die chinesische Regierung weiterhin mit einer Selbstrevolution voran; wir betreiben in großem Stil Verwaltungsvereinfachung und Kompetenzdelegierung, und wir treiben marktorientierte Reformen voran, damit noch mehr Menschen und noch mehr Unternehmen Kreativität und Vitalität entfalten können. Im März haben wir das Registrierungssystem für Industrie und Handel umfassend reformiert, und in dem halben Jahr danach ist die Zahl der Geschäftsgründungen sprunghaft in die Höhe gegangen; im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 60%. Überwiegend handelt es sich dabei um kleine und Kleinstunternehmen sowie um Dienstleistungsunternehmen. Sie haben um die zehn Millionen Arbeitsplätze geschaffen und wachsen schnell. So bilden sie einen neuen Pfeiler des Wirtschaftswachstums. Wir haben nicht nur die Marktzugangsschwellen gesenkt, wir wenden auch eine Politik der „Hilfe zur rechten Zeit" an, um diese Neugründungen zu unterstützen. Dazu verstärken wir die Prozesskontrolle und Ex-post-Aufsicht und schaffen eine Marktumgebung des fairen Wettbewerbs, wir knüpfen das Netz der sozialen Sicherung enger, damit innovative Firmengründer keine Angst um ihre Zukunft haben müssen und so ein guter Boden für ein gesundes Wachstum der Unternehmnen bereitet wird.

Zu diesem Thema fällt mir ein Wort Goethes ein: „Willst du dich des Lebens freuen, so musst der Welt du Werth verleihen." Innovatives Schaffen ist eine gemeinsame Idee und ein gemeinsames Ziel der Menschheit. Mit diesem reformerischen und innovativen Vorgehen wollen wir neue Marktkräfte Fuß fassen und sich entwickeln lassen. Wir wollen noch mehr Menschen Hoffnung geben und den Mut, voranzuschreiten, damit es in China zu einer allgemeinen Welle der Existenzgründungen und der Innovation kommt. Eine solche Welle wird jedem Menschen die Chance geben, beruflichen Erfolg und seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Dies kann unseren „Bevölkerungsbonus" in einen „Talentbonus" verwandeln, es kann auch die Einkommensverteilung und die soziale Gerechtigkeit verbessern und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und die allseitige Entwicklung der Menschen besser verwirklichen.

Um einen stetigen und ausgeglichenen Gang der Wirtschaft zu fördern, werden wir auf der Basis der Wahrung der Gesamtstabilität der Politik noch aktiver handeln. Als nächsten Schritt werden wir die Intensität von Reform und Innovation verstärken, wir werden nicht nur bei den systemischen Barrieren „Zäune beseitigen", wir werden auch bei strukturellen Widersprüchen „das Messer ansetzen", Schwachstellen bei der Entwicklung ausbessern und die „Muskeln und Knochen" der Realwirtschaft stärken. Zum Beispiel sind in der Finanzpolitik und im Kreditwesen die bereits vorhandenen Mittel zu aktivieren und die neuen Mittel richtig einzusetzen, die Entwicklung der Realwirtschaft, wie des ländlichen Raums, der Landwirtschchaft und der Landbevölkerung, der Klein- und Kleinstunternehmen und der neuen Vertriebsformen ist zu unterstützen. Wir treiben weiter für die Lebensbedingungen des Volkes und die Entwicklung wichtige Projekte voran, wie die Zugverbindungen zwischen Mittel- und Westchina, die Sanierung der städtischen Slums, den Wasserbau und die Vorbeugung gegen Umweltverschmutzung, um so die Versorgung mit öffentlichen Gütern zu verbessern. Angesichts der von Reform und Innovation ausgehenden starken Impulse sind wir voller Zuversicht, was die Erreichung der wichtigsten gesteckten Ziele für das diesjährige Wirtschaftswachstum angeht.

Die Wirtschaft Chinas hat 30 Jahre lang eine anhaltend schnelle Entwicklung durchlaufen. Für die zukünftige Entwicklung gibt es immer noch eine Fülle von Triebkräften. Die Aussichten sind hervorragend, da unsere Wirtschaft über ein äußerst belastbares Wachstum, über ausgedehnte Märkte und über großen Manövrierraum verfügt. Viele der heute Anwesenden sind alte Freunde der chinesischen Wirtschaft, und Sie werden wie wir alle bemerkt haben, dass sich die Qualifikation der chinesischen Arbeitnehmer verbessert, dass die Infrastruktur gut ausgebaut ist, dass die gegenseitige Flankierung der Industriebranchen gut ist, dass sich schon einiges an Kapital und Technologien akkumuliert hat, und dass die Risikoresistenz der Wirtschaft stark ist. Dies alles bildet unsere allgemeine Stärke. Wenn man China verstehen will, braucht man eine dreidimensionale Sicht. China ist ein Land mit 1,3 Milliarden Menschen, zwischen Stadt und Land und zwischen den einzelnen Regionen gibt es noch Ungleichgewichte in der Entwicklung. Die Industrialisierung und die Urbanisierung haben noch einen weiten Weg zurückzulegen. Der große ländliche Raum und das Hinterland können der Wirtschaft eine stufenweise Entwicklung bringen, ein graduelles Aufblühen; sie bergen ein riesiges Entwicklungspotential. Reform und Innovation sind die besten Mittel, um dieses Potential freizulegen. Das chinesische Volk ist belastbar und ausdauernd, es ist derzeit dabei, seine Klugheit einzusetzen für Innovationen bei den Systemen und in Wissenschaft und Technologie, und es wird damit Impulse geben für ein anhaltendes mittleres bis hohes Wachstum der chinesischen Wirtschaft, auf dem Weg hin zu einem mittleren bis hohen Niveau.

Chinas Entwicklung ist eine geöffnete Entwicklung. Chinas Wirtschaftsentwicklung kann nicht ohne die Welt auskommen, und auch eine Weltwirtschaft, die florieren will, braucht China. Für Chinas Wirtschaft wird es die von manchen befürchtete „harte Landung" nicht geben, sondern sie wird die internationale Wirtschaft positiv beeinflussen, sie wird eine wichtige Triebkraft für die Erholung der Weltwirtschaft sein. Dies wird von Nutzen sein für die europäisch-chinesische Wirtschaftskooperation und zum allseitigen Vorteil.

Chinas Entwicklung benötigt eine friedliche internationale Lage und ein stabiles regionales Umfeld. Vor dem Hintergrund einer schwierigen und komplizierten weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Lage ist China eine wichtige Kraft für die Bewahrung des Friedens in der Welt, und es engagiert sich auch für die Bewahrung von Stabilität und Sicherheit in seiner Region. Hoffen wir auf ein geschlossenes Voranschreiten aller Länder, auf gegenseitigen Respekt, friedliche Koexistenz und gemeinsame Entwicklung!

Meine Damen und Herren,

ich habe Europa schon oft besucht. Europa hat eine reiche und lange Geschichte und eine glanzvolle Kultur, fortschrittliche Wirtschaft und Wissenschaft, es bildet in der Welt einen höchst wichtigen strategischen Pol, und es leistet besondere Beiträge für die Erhaltung des Weltfriedens. Europa schenkt China große Aufmerksamkeit, und auch China schenkt Europa große Aufmerksamkeit. Wir sehen, dass Europas Bemühungen um die Stabilisierung der Wirtschaft und die Wiedererstarkung seiner Konkurrenzfähigkeit bereits Erfolge erzielt hat. Der Aufbau der Bankenunion macht bedeutende Fortschritte, die Strukturreformen der hochverschuldeten Länder kommen voran, die Rendite der Staatsanleihen ist deutlich niedriger geworden; ich bin der Überzeugung, dass das durch die Krise geprüfte Europa noch stärker werden und noch mehr gedeihen wird.

Die fast 40jährigen Beziehungen zwischen China und der EU sind von einem kleinen Setzling zu einem Baum mit üppiger Krone herangewachsen, und es ist ein Baum, der reiche Früchte trägt. Sowohl das gegenseitige politische Vertrauen, die Wirtschaftszusammenarbeit wie auch der kulturelle Austausch haben ein nie dagewesenes hohes Niveau erreicht. Seit der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen ist der bilaterale Handel zwischen China und der EU um das 230fache gewachsen, der tägliche Handelsaustausch hat derzeit ein Volumen von 1,5 Milliarden US-Dollar. Mit anderen Worten, in den 20 Minuten meiner Rede gab es zwischen China und der EU einen Austausch im Wert von zig Millionen US-Dollar. Das Band des gemeinsamen Vorteils verleiht den bilateralen Beziehungen Anziehungs- und Expansionskraft, und dies gibt uns volles Vertrauen in die Zukunft von China und Europa.

China wie Europa sind zwei wichtige strategische Kräfte. Ihnen obliegt die hohe Mission, die globale Wirtschaftsentwicklung voranzubringen, den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit zu fördern und den Weltfrieden zu bewahren. Zwischen den beiden Seiten bilden sich derzeit immer mehr strategische Gemeinsamkeiten heraus. Bei seinem Europabesuch im Frühjahr dieses Jahres ist Staatspräsident Xi Jinping für gemeinsame Anstrengungen Chinas und der EU beim Bau der „vier Brücken" Friede, Wachstum, Reform und Kultur eingetreten. Er trat dafür ein, eine umfassende strategische Partnerschaft mit noch mehr globalem Einfluss zwischen China und der EU aufzubauen und damit die Beziehungen zwischen China und der EU auf ein neues Niveau zu heben. Wir sind bereit, im Verein mit der EU die Entwicklungsrichtung der bilateralen Beziehungen fest in die Hand zu nehmen, um international neue Maßstäbe zu setzen für gegenseitigen Nutzen und beiderseitiges Gewinnen.

China ist das größte marktwirtschaftliche Schwellenland, die EU ist die größte entwickelte Wirtschaft. Wenn diese beiden Superlative sich zusammentun, dann ist alles möglich. Wenn „emerging" und „developed" sich die Hand reichen, werden sich ihre Stärken verdoppeln. China und die EU können zu einem Vorbild in Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen aufsteigenden und entwickelten Ökonomien werden. China und Europa liegen an den beiden Enden des eurasiatischen Kontinents, eines Kontinents, der sowohl von der Fläche als auch von der Bevölkerungszahl her der größte Kontinent der Erde ist. Er bildet einen Markt von gewaltigen Ausmaßen und mit enormen Entwicklungschancen. China und Europa können bei der Förderung des Wohlstands und der Entwicklung des Raumes Eurasien und des dortigen allseitigen und gemeinsamen Nutzens noch größere Beiträge leisten. China ebenso wie die EU treten ein für die Demokratisierung der internationalen Beziehungen, sie haben in vielen wichtigen internationalen Angelegenheiten gemeinsame Interessen. Ihre Beziehungen spielen global eine immer bedeutendere Rolle; in Fragen des Weltfriedens und weltweiter guter Regierungsführung können sie eng zusammenarbeiten. China wie Europa verfügen über eine große Kultur und Zivilisation, über eine Tradition der rationalen Überlegung und des philosophischen Denkens. China hät viel von „harmonisch, aber nicht deckungsgleich", und die EU hat das Motto „In Vielfalt geeint". Die Geschicke von 1,3 Milliarden Chinesen und 700 Millionen Europäern sind eng miteinander verbunden, ihre Zukunft ist voneinander abhängig. China und Europa können in Bezug auf Inklusion und das gegenseitige Lernen zwischen zwei verschiedenen Kulturen zu Vorreitern werden.

Europa verwendet in diesen Zeiten große Mühen auf seinen Intergrationsprozess, und China wird, ungeachtet aller globalen Turbulenzen, die EU wie schon immer unterstützen. Es unterstützt Europas vereinte Selbststärkung, und es unterstützt eine noch größere Rolle der EU in internationalen Angelegenheiten. Wir hoffen, dass die EU weiterhin für den von China gewählten, seinen nationalen Gegebenheiten entsprechenden Entwicklungsweg Verständnis hat und ihn unterstützt, und dass die EU Chinas Kerninteressen respektiert und berücksichtigt.

Meine Damen und Herren,

wir leben in Zeiten einer Revolution der neuen Technologien und der industriellen Transformation. China wie Europa befinden sich gerade in einem entscheidenden Stadium ihrer Entwicklung, beide stehen vor den gemeinsamen Aufgaben der Wachstumsstabilisierung, der Strukturanpassung und der Schaffung von Arbeitsplätzen. Es besteht die objektive Notwendigkeit dafür, dass beide Seiten ihre konkreten Kooperationen vertiefen, aber dies bringt auch eine seltene Chance mit sich. In China gibt es ein altes Sprichwort: „Gräbt man neun Klafter tief, dann wird man Wasser finden." Wie beim Brunnengraben sollten wir die versteckten Reserven unserer Zusammenarbeit freilegen. Hier ein paar Vorschläge:

Erstens: Wir sollten gemeinsam eine strategische Gesamtplanung für die Entwicklung des Handels durchführen. Die Ökonomien Chinas und der EU bilden zusammen ein Drittel des Gesamtvolumens der Weltwirtschaft, der Handel zwischen ihnen macht aber nur 1,5% des Welthandels aus. Diese beiden Zahlen sind zwar nicht direkt vergleichbar, aber sie zeigen doch den großen Wachstumsspielraum beim bilateralen Handel. Dieser Spielraum besteht sowohl bei der quantitativen Zunahme als auch bei der Optimierung der Struktur. Für beide Aspekte ist sorgfältige Planung gefordert. Während meines diesmaligen Deutschlandbesuchs wurden Wirtschaftsverträge im Wert von über 10 Milliarden US-Dollar abgeschlossen, und zwar nicht nur im Warenhandel, sondern auch im Bereich der technologischen Zusammenarbeit; ein reger Austausch. Die EU wird, wie wir hören, 50 Milliarden Euro für den Ausbau der Verkehrs-, Energie- und Datennetze einsetzen. Wir hoffen, dass die EU sich positiv für die ein gutes Preis-Leistungsverhältnis aufweisenden chinesischen Anlagen in Bereichen wie Hochgeschwindigkeitszüge und Kernenergie entscheiden wird. Die Frage der Hightech-Exporte nach China ist für die chinesische Seite nach wie vor ein Anliegen. Wir hoffen, dass die EU im Zuge der anstehenden Reform ihrer Exportkontrollen China fair behandeln wird. China und die EU sollten gemeinsam gegen jede Form von Handelsprotektionismus eintreten. Wir sind bereit, mit der EU im Handelsstreit wegen subventionierter Netzwerktechnik konstruktive Gespräche zu führen, damit baldmöglichst ein Konsens erreicht wird. Die Einrichtung einer Freihandelszone zwischen China und der EU wäre von großer Bedeutung für die Anhebung des Handelsniveaus. Hierzu könnten beide Seiten zeitnah Machbarkeitsstudien beginnen.

Zweitens: Die Investitionen anstoßen und auf die „Hochgeschwindigkeitsspur" lenken. Bei der Investitionszusammenarbeit zeigt sich die strategische Seite der China-EU-Zusammenarbeit. Derzeit gibt es eine Fülle von Chancen für die Weiterentwicklung der Investitionen, die Lage ist gut, und man sollte die Situation nutzen. Man sollte die Unternehmen bei der Ausweitung ihrer Investitionen in Bereichen wie der Branchenentwicklung und dem Aufbau von Industrieparks unterstützen. Wenn zwischen China und der EU möglichst bald ein Investitionsabkommen geschlossen wird, dann könnte dieses den beiderseitigen Investitionen Geleitschutz geben. Wir sollten bald mit den Verhandlungen dazu beginnen und schnell zu einem Ergebnis kommen. Es ist zu hoffen, dass die EU für in Europa investierende chinesische Firmen ein faireres und transparenteres Geschäftsumfeld bereitstellen wird und in Bezug auf Marktzugang, Einreise und Visa sowie Arbeitserlaubnis günstigere Bedingungen schaffen wird. Es sollte die Form chinesisch-europäischer gemeinsamer Investitionen zum Einsatz kommen, und es sollten zum allseitigen Vorteil gemeinsam Drittmärkte erschlossen werden.

Drittens: Den „tiefen Ozean" der Innovationszusammenarbeit erschließen. China wie Europa bemühen sich um Strukturreformen und ein Upgrading ihrer Wirtschaft, und dies bringt neue Möglichkeiten mit sich, die Zusammenarbeit bei den neuen Technologien, bei neuen Industriebranchen und in ganz neuen Bereichen auszuweiten. Bei meinem Europabesuch im vorletzten Jahr begründeten China und die EU einen Kooperationsmechanismus zum Thema Urbanisierung. Hier kann man sowohl in Bezug auf die Hardware" wie die „Software" sehr viel tun. Bei der Öko-Wirtschaft ist Europa stark, und China verfügt über den Markt; wir hoffen, dass beide Seiten in Kooperation eine Reihe von Modellregionen der Kreislaufwirtschaft, der Energieeinsparung und des Umweltschutzes aufbauen, um eine stärkere Aggregation zu erreichen und die Effizienz zu erhöhen. Die mittel- und langfristige Zusammenarbeit in der Luft- und Raumfahrt sollte vorangetrieben werden, und auch die Verstärkung der Kooperation Betrieb, Wartung und Management des Schienenverkehrs ist eine Richtung für gemeinsame Anstrengungen.

Der personelle und kulturelle Austausch wirkt wie eine Dekodiermaschine, er vermag die Gräben zwischen den Menschen zuzuschütten und seelische und gefühlsmäßige Verbindungen zu knüpfen. In Rheinland-Pfalz gibt es einen Lebensmittelingenieur, der in gut dreißig Jahren über 125 Mal nach China gereist ist. Er hat nicht nur sein Produktions-Knowhow nach China vermittelt, sondern auch für Chinas Erdbebengebiete gespendet, um dort Kinder zu unterstützen, die sonst ohne Schulbildung aufwachsen. Dieser Freund Chinas bezeichnet sich selbst als „fünfundachtzigprozentigen Chinesen". Dies liefert ein lebendiges Bild, ja eine Holographie der chinesisch-deutschen und chinesisch-europäischen Freundschaft. Derzeit gibt es jährlich über 5 Millionen Reisen zwischen China und Europa, insgesamt fast 300.000 Auslandsstudenten kamen von China nach Europa bzw. von Europa nach China. Beide Seiten sollten den Austausch auf Gebieten wie Bildung, Wissenschaft und Technik, Kultur und Sport intensivieren, die Kooperation in der Kulturindustrie und beim Produktservice sollte gefördert werden; der Austauschsverkehr der Menschen, besonders der jungen Menschen, sollte ausgeweitet werden, damit die chinesisch-europäischen Beziehungen noch tiefere Wurzeln schlagen und sich noch mehr festigen.

Meine Damen und Herren,

die chinesisch-deutschen Beziehungen stehen nunmehr innerhalb der chinesisch-europäischen Beziehungen im ersten Glied. Heute vor 42 Jahren hat China mit der Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen aufgenommen. Jetzt reifen die chinesisch-deutschen Beziehungen mit jedem Tag weiter heran. Während meines diesjährigen Besuchs in Deutschland wurde ein „Aktionsrahmen für die chinesisch-deutsche Zusammenarbeit" bekanntgegeben, der für die langfristige Kooperation beider Länder auf den verschiedenen Gebieten konkrete Programme und Maßnahmen formuliert. Wir wollen mit Deutschland Hand in Hand weiter voranschreiten und die chinesisch-deutschen Beziehungen auf ein neues Niveau heben.

Das chinesisch-europäische Forum des Hamburg Summit hat nun schon eine Wegstrecke von zehn Jahren zurückgelegt. In diesen zehn Jahren hat sich der Summit um die chinesisch-deutschen und chinesisch-europäischen Beziehungen verdient gemacht. Die anwesenden Freunde bauen schon seit langem mit an der bilateralen konkreten Zusammenarbeit, dafür möchte ich Ihnen danken! Der Summit ist ein Ort der gegenseitigen intellektuellen Anregung, ein Ort des breiten Austauschs von Ideen. Die Deutschen sagen oft: „Glaube versetzt Berge." In China gibt es das Gleichnis von dem „törichten Alten, der die Berge versetzt". Wenn wir in dieser Weltlage, in der Herausforderungen und Chancen dicht nebeneinander liegen, von der Öffnung überzeugt sind und an die Zusammenarbeit glauben, dann können wir uns trennende Berge und Meere überwinden und einen breiten Weg zum gegenseitigen Vorteil und zum gemeinsamen Gewinnen finden.

Zuletzt möchte ich dem diesjährigen Summit allen Erfolg wünschen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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