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Baden-Württemberg will Austausch und Zusammenarbeit mit China verstärken
2015/10/19
 

Kurz vor seinem ersten Chinabesuch hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann People’s Daily Online ein schriftliches Interview gegeben, in dem er über die wirtschaftliche und wissenschaftliche Kooperation mit dem Reich der Mitte spricht.

Frage: Herr Kretschmann, was ist der Grund Ihrer China-Reise? Neben Beijing und Shanghai werden Sie auch die Provinzen Jiangsu und Liaoning bereisen. Wie sieht Ihr Programm vor Ort aus?

Antwort: Die Modernisierung der chinesischen Industrie und der dortige Aufbau einer ,Green Economy‘ bietet gerade für unsere baden-württembergischen Unternehmen große Marktchancen. Deshalb reise ich mit einer großen Wirtschafts- und Wissenschaftsdelegation nach China. Wir haben neben politischen Gesprächen auch zum Beispiel Fachsymposien zu nachhaltigen Technologien im Terminkalender oder besuchen Unternehmen wie Beijing Benz Automotive, Kern-Liebers oder Siasun Robot & Automation.

Zwischen den Provinzen Jiangsu, Liaoning und Baden-Württemberg besteht eine langjährige Partnerschaft. Wie sieht ihr persönliches Verhältnis zu China aus?

Es ist meine erste Reise nach China. Aber die rasante Entwicklung Chinas – insbesondere im Bereich Wirtschafts- und Umweltpolitik – verfolge ich jedoch schon lange mit großem Interesse.

Haben Sie als erster grüner Ministerpräsident einer deutschen Landesregierung ein besonderes Anliegen?

Natürlich bin ich sehr daran interessiert, mit welchen Instrumenten und Initiativen China seine Wirtschaft neu ausrichten und etwa der Umweltverschmutzung entgegenwirken möchte. Der Gleichklang von Ökonomie und Ökologie liegt mir als grünem Ministerpräsidenten eines wirtschaftsstarken Bundeslandes schließlich sehr am Herzen. Die Weltwirtschaft kann nur durch steigende Ressourceneffizienz ökologisch modernisiert werden.

Baden-Württemberg ist das erste deutsche Bundesland, das vor mehr als 30 Jahren Kooperationen mit China aufnahm. Wie würden Sie das Verhältnis von China und Baden-Württemberg heute im Jahr 2015 beschreiben?

Wir pflegen mit China – und insbesondere unseren chinesischen Partnerprovinzen – enge Kontakte und haben bereits in ganz unterschiedlichen Bereichen gemeinsame Projekte initiiert: von Stipendienprogrammen für Studierende und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Schulungsmaßnahmen für ca. 5.000 chinesische Lehrkräfte und Multiplikatoren in der beruflichen Bildung, Kooperationen zur nachhaltigen Stadtentwicklung, bis hin zum Aufbau eines Waldpädagogikzentrums in Tianshui.

Auch im Bildungs- und Forschungsbereich haben das Land Baden-Württemberg und die Volksrepublik starke Bande geknüpft. Das Karlsruher Institut für Technologie startete im Jahr 2012 in Zusammenarbeit mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften zwei deutsch-chinesische Forschungsgruppen. Wie ist der aktuelle Stand des Projekts? Gibt es in naher Zukunft weitere Austausch- oder Forschungsprogramme?

Die beiden erwähnten Forschungsgruppen arbeiten intensiv an wichtigen Forschungsfragen zur satellitengestützten Fernerkundung und zu effizienten Techniken für die Wasserstoffproduktion. In den Gruppen gibt es einen sehr lebhaften Austausch der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Konferenzen sowie gemeinsame Veröffentlichungen. Beide Kooperationen entwickeln sich stetig weiter. So ist für Anfang 2016 die Ausschreibung einer gemeinsamen Stipendienförderung zwischen der KIT-Graduiertenschule GRACE (Graduate School for Climate and Engineering) und der Wuhan University vorgesehen.

Dies sind aber nur zwei Beispiele für die sehr agile wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Baden-Württemberg und China. Seit Jahrzehnten schon ist China ein Schwerpunktland für die Wissenschaftskooperation Baden-Württembergs. Aktuell werden 194 Kooperationen auf Hochschul- und Forschungsebene gepflegt. Die meisten Hochschulen im Land kooperieren in Forschung und Lehre mit chinesischen Wissenschaftseinrichtungen, oft auch im Rahmen strategischer Partnerschaften.

Eine Studie über Potentiale und Hemmnisse für die zukünftige Zusammenarbeit der beiden Wirtschaftsregionen Jiangsu und Baden-Württemberg, die das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg in Auftrag gab, kam zu dem Ergebnis, dass die baden-württembergische Industrie eher zurückhaltend ist, was die Kooperation mit China angeht. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

In der erwähnten Studie wurden industrielle Synergien zwischen Baden-Württemberg und dem Suzhou International Park untersucht. Sie soll Kooperationschancen für Wirtschaft und Wissenschaft ausloten, insbesondere in der Provinz Jiangsu. Die Studie hat gezeigt, dass es hierfür ein großes Potenzial gibt, etwa auf Gebieten wie Umwelttechnologien, Wassersystemen und erneuerbaren Energien.

Von einer generellen Zurückhaltung der baden-württembergischen Industrie bei Kooperationen mit China kann jedoch keine Rede sein. Das wird auch in der Studie zu Jiangsu differenzierter dargestellt. Die hier befragten großen Unternehmen haben in aller Regel Schlüsselpartner, mit denen ein sehr intensiver Austausch erfolgt. Große Unternehmen können, vor allem wegen ihrer personellen Ressourcen, international anders agieren als mittelständische Unternehmen. Für kleine und mittlere Unternehmen ist Vertrauen durch persönliche Kontakte grundlegend für erfolgreiche Kooperationen. Dieser Vertrauensaufbau bedarf weit größerer Anstrengungen und braucht Zeit. Bei solch einer Aufgabe können die Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen in Baden-Württemberg mit ihrer China-Kompetenz und ihren Kontakten vor Ort helfen.

Deutschland und China setzen verstärkt auf Innovation. Sie haben „Industrie 4.0“ auf Ihre Agenda gesetzt, China fokussiert sich auf „Made in China 2025“. Wo sehen Sie in diesem Bereich Synergien? Sind in nächster Zeit Kooperationen in diesem Bereich geplant?

Baden-Württemberg, mit seinen starken Kernbranchen im Maschinenbau, der Automobilwirtschaft und der IT, treibt die Digitalisierung der Wirtschaft und Industrie 4.0. ganz maßgeblich voran. Die damit verbundenen Effizienzgewinne tragen dazu bei, das Wirtschaftswachstum weiter vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Synergien können sich dabei vor allem durch Kooperationen zwischen baden-württembergischen und chinesischen Unternehmen ergeben. Um das zu unterstreichen wurde vor wenigen Monaten eine gemeinsame Absichtserklärung zwischen Deutschland und China unterzeichnet.

Die chinesische „Kleinstadt“ Taicang, in der über 190 deutsche Unternehmen ansässig sind, ist eine Hochburg des Maschinenbaus und wurde einmal als das „chinesische Baden-Württemberg“ bezeichnet. Haben Sie Taicang schon einmal persönlich besucht? Und wenn ja, stimmt es, dass man sich dort ganz wie im „Ländle“ fühlt?

Ich war noch nicht in Taicang, werde es aber nun auf dieser Reise besuchen. Taicang liegt ja auch in unserer Partnerprovinz Jiangsu. Ich gehe also durchaus davon aus, dass ich hier ein Stück der wirtschaftlichen Stärke Baden-Württembergs wiederfinden werde.

Was kann Baden-Württemberg Ihrer Meinung nach vom Reich der Mitte lernen und umgekehrt?

China hat in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung hingelegt. Einen Wandel aktiv und mit langfristigen Perspektiven zu gestalten ist auch für unser Bundesland wichtig. Gerade bei der strategischen Ausrichtung Chinas auf eine ,Green Economy‘ sehe ich Anknüpfungspunkte. Umgekehrt kennzeichnen Baden-Württemberg ein Tüftlergeist und eine Innovationskraft, die auch für China interessant sind.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem diesmaligen Besuch in China mit nach Hause nehmen zu können?

Ich freue mich auf viele interessante Gespräche und Eindrücke und wünsche mir, dass wir Austausch und die Zusammenarbeit mit China weiter vertiefen können.

(Quelle: german.people.cn)

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