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Werner Gerich: Ein Mann der ersten Stunde beim Start der chinesischen Wirtschaftsreform
2019/11/01

Im Alter von 65 Jahren wagte Werner Gerich 1984 den Sprung als Projektingenieur in eine Dieselmotorenfabrik nach Wuhan und wird dort bis heute für sein Wirken verehrt. Nach seinem Tod im Jahr 2003 erhielt er posthum zahlreiche Auszeichnungen in China, die sein Sohn Bernd Gerich stellvertretend für ihn entgegennahm. Hier schreibt er einige Worte über seinen Vater.

Als mein Vater, Werner Gerich, im Jahr 1983 seine berufliche Tätigkeit als Projektingenieur nach Stationen unter anderem in Karl-Marx-Stadt (in der damaligen DDR), Kairo und Karlsruhe beendete, dachte die Familie, dass nun die Phase des Ruhestandes mit allen Freuden und Annehmlichkeiten nach einem erfüllten Berufsleben beginnen würde. Da mein Vater sich jedoch zu jung für den Ruhestand fühlte, meldete er sich beim ehrenamtlichen Dienst der deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit (SES) und wurde 1984 Gründungsmitglied. „Ich gehe als Consulter nach China", teilte er mir bei einem Besuch mit, und wir waren alle sehr überrascht über diesen Entschluss.

Im September 1984 kam es zu den ersten Auslandseinsätzen des SES, die meinen Vater als Berater an der Dieselmotorenfabrik nach Wuhan führten. Mit großer Spannung auf die faszinierende Kultur und die Menschen in China traf mein Vater vor seiner Abreise viele Vorbereitungen zum Aufbruch ins Reich der Mitte. Die wirtschaftliche und politische Situation in China war mir aus unterschiedlichen Medienberichten sehr wohl bekannt. Ich war dennoch sehr gespannt auf die Berichterstattung und Erfahrung meines Vaters nach seinem ersten Einsatz in China.

Als mein Vater von seinem ersten Einsatz nach drei Monaten nach Deutschland zurückkam, berichtete er uns von einem überwältigenden herzlichen Empfang in Wuhan. Was er in Wuhan vorfand, war eine mit 2.100 Arbeitern überbesetzte Dieselmotorenfabrik, die sich in einem absolut desolaten Zustand befand. Diese Situation hatte er bereits nach Ende des Zweiten Weltkrieges während seiner beruflichen Laufbahn beim Aufbau der Maschinen- und Traktorenstationen in der ehemaligen DDR erlebt. Wo andere vielleicht resigniert hätten, krempelte mein Vater die Ärmel hoch und setzte seine ganze Kraft, seine technischen Erfahrungen und Management-Knowhow für dieses Projekt ein.

Mit großem Pflichtbewusstsein, Disziplin und Selbstlosigkeit reformierte er das Wuhaner Dieselmotorenwerk. Mein Vater war sehr stolz, durch sein Wirken einen kleinen Beitrag für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes beigetragen zu haben. In den weiteren Jahren bis 2002 beriet er viele weitere chinesische Firmen und knüpfte hierbei auch enge Beziehungen zu vielen deutschen Unternehmen. China, und speziell Wuhan, entwickelte sich dabei zu seinem Lebensmittelpunkt, wobei auch sehr viele enge persönliche Freundschaften entstanden.

Als Wertschätzung für seine Verdienste wurden meinem Vater zu Lebzeiten zahlreiche hohe chinesische und deutsche Auszeichnungen verliehen. Die jedoch höchste Auszeichnung postum wurde meinem Vater zu seinem 2. Todestag verliehen. Die Stadt Wuhan und die chinesische Partnerorganisation des SES, SAFEA (State Administration of Foreign Experts Affairs) errichteten in der Industriezone der Stadt eine Gedenkbüste, zu deren Einweihung viele Ehrengäste aus Deutschland und China sowie unsere Familie eingeladen waren.

Im August 2005 wurde ebenfalls zu Ehren meines Vaters eine Gedenkbüste in der IHK in Duisburg eingeweiht als Ausdruck für die guten, engen Beziehungen der Partnerstädte Wuhan und Duisburg. Ich hoffe, dass dadurch viele Menschen gedanklich angestoßen werden, wie mein Vater, verantwortungsvolle Aufgaben, ehrenamtlich in fremden Ländern zu übernehmen. Die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse anderen Menschen unentgeltlich und uneigennützig zur Verfügung zu stellen, war sein Anliegen bis zu seinem Todestag am 17. April 2003.

„Wir Chinesen vergessen unsere Freunde nie!" Ein Satz, den wir immer wieder bei unseren Besuchen gehört haben. Anlässlich des „40-jährigen Jubiläums der Reformpolitik in China" waren meine Frau und ich von der chinesischen Regierung zu den Feierlichkeiten im Dezember 2018 in Peking eingeladen worden. Im Rahmen dieser Festveranstaltung wurden 100 chinesischen und zehn ausländischen Persönlichkeiten beziehungsweise deren Hinterbliebenen die Freundschaftsmedaille in der Halle des Volkes verliehen. Die Übergabe der Urkunden und Medaillen wurde von Präsident Xi vorgenommen. Die offene Rede von Präsident Xi und die Würdigung der Preisträger waren sehr beeindruckend.

Am selben Tag hatten wir Gelegenheit, die große Ausstellung über die Reformpolitik im Nationalmuseum zu besuchen. Die Darstellung Chinas vom armen Entwicklungsland bis zum heutigen hoch technologisch entwickelten Industriestaat war überwältigend. Nach unserem Aufenthalt in Peking hatten wir auch die Gelegenheit, noch einmal die Wirkungsstätte meines Vaters in Wuhan zu besuchen. Mit besonders großer Herzlichkeit wurden wir hier von den Mitarbeitern der Wuhaner Stadtregierung empfangen. Beim Besuch des Industriemuseums und in der Wuhaner City Hall wurde dargestellt, wie mein Vater von den Wuhanern noch verehrt wird und nicht vergessen ist. Es erfüllt unsere Familie mit großem Stolz und Dankbarkeit.

TEXT Bernd Gerich

                                                                                                                                                                                        Quelle: Diplomatisches Magazin

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