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Botschafter Shi Mingde gab Weser Kurier Tageszeitung für Bremen und Niedersachsen ein Interview: „Nicht nur auf Wachstum setzen"
2015/04/14

Shi Mingde, Botschafter Chinas in Deutschland, war am Freitag Gast bei einem Workshop der Hochschule Bremen. Norbert Pfeifer sprach mit ihm über Pekings Wachstumsziele und Chinas Chancen im globalen Handel.

China hat die Welt jahrzehntelang mit zweistelligen Wachstumsraten beeindruckt. Seit wenigen Jahren pendelt sich das jährliche Wachstum nun aber bei etwas mehr als sieben Prozent ein. Viele Kommentatoren sehen düstere Zeiten auf das Reich der Mitte zukommen. Sie auch?

Shi Mingde: China ist durch das enorme Wachstum die zweitstärkste Volkswirtschaft der Welt geworden. Das Wirtschaftsvolumen macht jetzt zehn Billionen US-Dollar im Jahr aus. Auf Dauer können wir dieses Wachstum nicht halten, denn die absolute Zahl der Wirtschaftsleistung ist schon sehr groß. Hinzu kommt, dass sich die Weltwirtschaft von den Folgen der Finanzkrise 2008 noch nicht ganz erholt hat. Unser Wachstum von 7,4 Prozent 2014 ist immer noch hoch, verglichen mit den USA mit 2,4 Prozent. Man sollte es also nicht dramatisieren. Und noch ein Punkt ist uns wichtig: China hat seine Strategie geändert. Statt auf Quantität setzen wir mehr auf Qualität und Effizienz. Die Produktivität ist 2014 um sieben Prozent gewachsen und die Energieeffizienz hat sich um 4,8 Prozent erhöht.

Ist der deutliche Rückgang auch Folge eines Umbaus der Wirtschaft: weg von der extremen Exportabhängigkeit, hin zu einer Konsumwirtschaft?

Ja, sicher. Unsere Prioritäten haben sich geändert. In den vergangenen 30 Jahren beruhte das Wachstum vor allem auf dem Export und Investitionen, jetzt kommt der größte Impuls von der Binnennachfrage, dann kommen erst Investitionen und Export.

Reicht ein prognostiziertes Plus von sieben Prozent für 2015 – das schwächste seit 25 Jahren – dennoch aus für die Entwicklung Chinas und die wachsenden Ansprüche einer wachsenden Gesellschaft?

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, das Bruttoinlandsprodukt und das Einkommen der Bevölkerung bis 2020 zu verdoppeln. Wenn wir jedes Jahr ein Wachstum von sieben Prozent beibehalten, können wir die strategischen Ziele erreichen.

Der Euro ist nach wie vor auf einem sehr niedrigen Niveau. Das bekommt auch Chinas Exportwirtschaft zu spüren. Welche Chancen hat das Land, im internationalen Handel künftig noch weiter zu wachsen?

Ich bin überzeugt: Wenn man mehr exportieren will, muss man vorrangig die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft stärken und nicht auf Währungspolitik setzen. Diese kann nur eine gewisse Zeit helfen, aber sicher nicht langfristig. Wir brauchen mehr Innovationen und wir müssen mit hochwertigen Produkten auf den Markt gehen . . .

. . . also nicht europäische Güter kopieren?

Nein, das ist nicht der richtige Weg. Deswegen setzen wir auf eine neue Strategie der Innovation. China und Deutschland haben kürzlich ja auch eine Innovationspartnerschaft geschlossen. Deutschland ist natürlich schon viel weiter als wir, aber es gibt ein großes Potenzial für Kooperationen.

Die Globalisierung hat neben China einen weiteren Gewinner hervorgebracht: Indien. Glauben Sie, dass Ihnen das Land irgendwann den Rang ablaufen kann?

Die Gemeinsamkeiten überwiegen die Differenzen. Beide Länder müssen ihre Wirtschaft entwickeln und den Lebensstandard der Bevölkerung erhöhen. Natürlich gibt es auch eine gewisse Konkurrenz, aber solange diese Konkurrenz gesund ausgetragen wird, fördert sie den Fortschritt beider Länder.

Auch deutsche Unternehmen sind mittlerweile vom Markt im Reich der Mitte abhängig – allen voran die Maschinen- und Autobauer. Müssen sich Konzerne wie Siemens oder Mercedes nun um ihre Absätze Sorgen machen?

Es geht nicht um eine einseitige, sondern gegenseitige Abhängigkeit. Wenn man die größten Autokonzerne in Deutschland nimmt, dann haben sie im Absatz in China seit Jahren ein zweistelliges Wachstum. Wir haben eine Win-win-Situation. China ist mit Joint-Ventures der größte Autoproduzent und Absatzmarkt weltweit. Die deutschen Autos sind in China sehr bekannt und beliebt. VW produzierte im vergangenen Jahr 3,6 Millionen Autos in China, das ist mehr als ein Drittel der weltweiten Produktion von VW.

China plagen riesige Umweltprobleme. Käme Peking unter diesem Aspekt ein weniger starkes Wachstum nicht gelegen?

China wird nicht mehr allein auf das Wachstum setzen. Wir wollen eine nachhaltige und gesunde Entwicklung, das ist wichtiger als die Wachstumszahl selbst. Wir müssen bei allem Wachstum auch die sozialen und ökologischen Probleme anpacken. Bei der Bewältigung unserer Umwelt- und Energieprobleme müssen wir noch viel enger mit Deutschland zusammenarbeiten. Deutschland hat hier die weltweit führenden Technologien.

Der Impuls zum Umsteuern kommt gerade auch von den Chinesen selbst, die die schlechte Luft in den riesigen Städten nicht mehr hinnehmen wollen.

Wir sind in den vergangenen 30 Jahren einen Weg der Industrialisierung gegangen, für den die entwickelten Länder mehr als 100 Jahre gebraucht haben. Aber deswegen sind die Probleme, die bei uns auftauchen, nicht weniger geworden. Wir müssen uns die Erfahrungen, die die Industrieländer gemacht haben, zunutze machen. Wir dürfen deren Fehler nicht wiederholen. Wir müssen eine grüne Entwicklung einschlagen. Das ist uns bisher noch nicht so gelungen, aber wir sind fest davon überzeigt, dass wir es schaffen können.

Mit einer aktiveren Umweltpolitik könnte Peking auch seine politische Rolle stärken, etwa vor und auf der wichtigen UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember.

Ja. Wir haben zusammen mit den USA schon unsere Ziele bekannt gegeben. Außerdem will China zum Beispiel den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 von jetzt acht auf 15 Prozent erhöhen.

Peking wird dafür oft gelobt, viele sagen aber auch, dass das noch nicht reicht.

Das kann nicht von heute auf morgen geschehen, denn der Prozess ist mit vielen Problemen verbunden. Wenn wir viele Fabriken schließen, gehen auch Abertausende Arbeitsplätze verloren. Dann müssen wir dafür sorgen, dass die Entlassenen neue Jobs bekommen.

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