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Ansprache von Botschafter Shi Mingde auf dem Empfang zum Nationalfeiertag 2017
2017/10/03

Sehr geehrter Herr Vizekanzler und Minister Gabriel!
Sehr geehrter Herr Altbundespräsident Wulff!
Sehr geehrte Herren Staatssekretäre, Bundestagsabgeordnete und Exzellenzen!
Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Freunde!

Ich bin hoch erfreut und fühle mich tief geehrt, dass heute dermaßen viele Gäste aus den verschiedensten Bundesländern in die chinesische Botschaft gekommen sind, um mit uns gemeinsam den 68. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China sowie den 45. Jahrestag der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen China und Deutschland zu feiern. Was China und Deutschland miteinander verbindet, sind Freundschaft und Zusammenarbeit. Zunächst möchte ich Ihnen allen für Ihr Kommen herzlich danken und Ihnen allen für den langjährigen Einsatz und den Beitrag, den Sie zur Entwicklung Chinas und zur in jeder Hinsicht freundschaftlichen Kooperation zwischen China und Deutschland geleistet haben, meinen aufrichtigen Dank aussprechen.

Meine verehrten Damen und Herren!
Der 1. Oktober ist der Nationalfeiertag der Volksrepublik China. Für viele Länder in der Welt gilt ein Zeitraum von 68 Jahren seit der Gründung als nicht besonders lang, doch der in China in diesen 68 Jahren erfolgte Wandel sowie die erzielten Fortschritte und Entwicklungen dürften in der Welt sehr selten sein. China, das ein Fünftel der Weltbevölkerung stellt, hat sich von einem vormals armen und rückständigen Land inzwischen zur weltweit zweitstärksten Wirtschaftsmacht mit globalem Einfluss entwickelt. Das chinesische Volk hat sich erhoben und genießt jetzt ein Leben in Glück, Frieden und Wohlstand. Vor 68 Jahren betrug der Pro-Kopf-Anteil am BIP nur 23 US-Dollar, im Jahre 2016 lag er nicht weit von 9000 US-Dollar. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Chinesen ist in diesen 68 Jahren von früher 36 Jahren auf nunmehr 74 Jahre gestiegen. Während der Anteil Chinas an der Weltwirtschaft vor 68 Jahren nicht einmal 2% betrug, liegt er inzwischen bei 15%, und was den Anteil am Wachstum der Wirtschaft betrifft, so beläuft er sich weltweit gesehen auf über 30% und auf den asiatisch-pazifischen Raum bezogen auf über 50%. Die Geschwindigkeit, in der China industrialisiert und modernisiert wurde, ist eindrucksvoll. Die gesamte Wirtschaftsleistung liegt bei über 11 Bill. US-Dollar, was weltweit Rang 2 bedeutet. Ein Streckennetz von 22 000 km für Hochgeschwindigkeitszüge heißt, dass eine Eisenbahnfahrt von 1300 km von Peking nach Shanghai nur noch viereinhalb Stunden dauert. China verfügt über das weltweit größte 4G-Netz. China besitzt eine Milliarde Netizens, und der Umsatz im Internethandel erreichte im vorigen Jahr 3 Bill. Euro. Der Absatz von chinesischen Industrierobotern lag 2016 bei fast 90 000 Stück, womit China weltweit den ersten Platz einnahm. Vor dem Hintergrund einer derzeit sich schleppend erholenden Weltwirtschaft belief sich das Wachstum der chinesischen Wirtschaft 2016 auf 6,7% und erreichte in der ersten Hälfte dieses Jahres 6,9%. Damit liegt China unter den wichtigen Wirtschaftsmächten der Welt weit vorn.

Der wichtigste Grund dafür, dass die chinesische Wirtschaft eine so langfristige, stabile und nachhaltige Entwicklung nehmen konnte, bestand darin, dass China durchweg unbeirrt an der Politik der Öffnung und Reform festhielt und im Verlauf des ständigen Fortschritts und der unablässigen Entwicklung mühselig einen Weg fand, der auf die Vorstellungswelt, das System und den Entwicklungsstand im Lande zugeschnitten war: Genau das macht den Weg des Sozialismus chinesischer Prägung aus. Wir verspüren Stolz auf die erzielten Erfolge, erkennen gleichzeitig aber auch nüchtern an, dass China immer noch das weltweit größte Entwicklungsland ist (mit seinem Pro-Kopf-BIP liegt es auf dem achten Rang in der Welt), das immer noch große Unterschiede zu vielen entwickelten Staaten aufweist. Die chinesische Entwicklung befindet sich gerade in einer neuen historischen Phase, sieht vor sich riesigen Chancen, ist gleichzeitig aber auch mit gewaltigen Herausforderungen konfrontiert. Die zukünftige chinesische Wirtschaft wird eine neue Transformation zu durchlaufen und gewissenhaft die Konzepte von Innovation, Anpassung, Ökologie, Offenheit und gemeinsamem Nutzen zu verfolgen haben, damit ein mittleres bis hohes Wachstum der Wirtschaft beibehalten werden kann.

Meine verehrten Damen und Herren!
Für den 18. Oktober hat die Kommunistische Partei Chinas ihren 19. Parteitag einberufen, der eine neue Führung wählt und einsetzt sowie den Kurs und die Blaupause für die Entwicklung Chinas in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft festlegt und verabschiedet. Das ist ein großes Ereignis im politischen Leben des Landes, das den Eintritt der Entwicklung Chinas in eine neue historische Epoche sowie den Eintritt des Sozialismus chinesischer Prägung in eine neue Entwicklungsphase markiert. Diese Veranstaltung, die auf die zukünftige Entwicklung Chinas zweifellos tiefgreifende Auswirkungen hat und die von entsprechend großer Relevanz ist, wird sicherlich in der ganzen Welt mit Aufmerksamkeit verfolgt werden.

Meine verehrten Damen und Herren!
Seit China und Deutschland am 11. Oktober 1972 in aller Form ihre diplomatischen Beziehungen aufgenommen haben, sind 45 Jahre ins Land gegangen. In diesen 45 Jahren hat sich die Weltlage umwälzend verändert, wobei auch China und Deutschland historische Wandlungen durchgemacht haben. Bei alledem haben sich die chinesisch-deutschen Beziehungen jedoch durchweg kontinuierlich und stabil nach vorn entwickelt. Seit ich selber im Jahre 1972 in den diplomatischen Dienst getreten bin, sind ebenfalls bereits 45 Jahre verflossen. Ich habe den gesamten Entwicklungsprozess der chinesisch-deutschen Beziehungen persönlich erlebt und begleitet. Daher darf ich sagen, dass der Stand der chinesisch-deutschen Beziehungen derzeit so gut ist wie niemals zuvor.

Erstens wurde durch die Häufigkeit der gegenseitigen politischen Besuche das wechselseitige Vertrauen zwischen den führenden Persönlichkeiten der beiden Länder vertieft. Seit ihrem Amtsantritt vor zwölf Jahren hat Bundeskanzlerin Merkel China zehn Mal besucht, womit sie unter den führenden Politikern in Europa und Amerika einen Rekord aufstellte. Seit meinem Amtsantritt als Botschafter vor fünf Jahren habe ich den Vorsitzenden Xi Jinping zweimal und Ministerpräsident Li Keqiang dreimal zu einem Staatsbesuch in Deutschland empfangen dürfen, während Bundeskanzlerin Merkel sechsmal in China war. Im letzten und in diesem Jahr nahmen China und Deutschland jeweils den Vorsitz unter den G20-Staaten ein. Wenn es für China und Deutschland um den Schutz des Systems des freien Welthandels, den Widerstand gegen den Protektionismus, die Beibehaltung des Multilateralismus und den Widerstand gegen den Unilateralismus sowie die internationalen Verpflichtungen beim Klimawandel ging, stimmte man sich eng miteinander ab und agierte überaus erfolgreich.

Zweitens wurde die Zusammenarbeit in Wirtschaft und Handel sowie auf allen möglichen anderen Gebieten ununterbrochen erweitert und vertieft. 2016 besaß der chinesisch-deutsche Handel ein Volumen von 170 Mrd. Euro und machte 30% des chinesischen Handels mit der Europäischen Union aus. China ist bereits zum größten Handelspartner Deutschlands geworden. Das heutige chinesisch-deutsche Handelsvolumen eines einzigen Tages kommt dem von 18 Monaten vor 45 Jahren gleich. Die deutschen Investitionen in China machen 41,8% der EU-Investitionen in China aus, und die drei großen deutschen Automobilhersteller haben einen Anteil von über 40% am chinesischen Automobilmarkt. Die Praxis beweist, dass diese Art der Zusammenarbeit und der Investitionen in zwei Richtungen zielt und dass der Nutzen hierbei auf beiden Seiten liegt. Beide Länder erschließen ständig neue Felder der Kooperation, und die Aussichten scheinen verheißungsvoll. 

Drittens ist der Austausch im Bereich der Kultur- und Geisteswissenschaften von Tag zu Tag lebhafter geworden. Ende Mai dieses Jahres wurde vertraglich die Gründung eines Dialogforums für Kultur, Bildung und Sport vereinbart, mit dem beide Länder eine neue Zusammenarbeit in Bereichen wie Jugendarbeit, Tourismus und Fußball in die Wege leiten. Ich habe mich sehr gefreut zu beobachten, wie das Pandapärchen Mengmeng und Jiaoqing im Juli im Berliner Zoo eingezogen ist und dort nun ein behagliches Leben führt. Vor einer Woche habe ich noch im Pekinger Kaiserpalast an den Eröffnungsfeierlichkeiten für die Ausstellung zeitgenössischer Kunst mit dem Titel „Deutschland 8" teilgenommen, in der Werke von einem runden Dutzend großer Nachkriegskünstler versammelt sind. Vor zwei Jahren hatte China in acht verschiedenen Städten in Nordrhein-Westfalen die Ausstellung „China 8" gezeigt. Diese bisher umfangreichste Schau zeitgenössischer Kunst aus China und Deutschland hat dem kulturellen und künstlerischen Austausch zwischen beiden Ländern neue Impulse vermittelt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Ich stehe oft vor der Frage, aus welchem Grunde sich die chinesisch-deutschen Beziehungen so gut entwickelt haben. Da ist zum einen das wechselseitige Vertrauen, aus dem heraus China und Deutschland ihr Gegenüber stets als Kooperationspartner betrachten und in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit stets die Chancen für die eigene Entwicklung sehen. Zum andern das Beharren auf dem wechselseitigen Nutzen. Da die Zusammenarbeit auf beiden Seiten durchweg freiwillig erfolgt, wird sie nur dann langfristig Bestand haben, wenn sie für beide Seiten Gewinn abwirft. Zum dritten der Respekt vor den jeweiligen Kerninteressen des anderen. China hat konsequent die deutsche Einheit unterstützt, und Deutschland hält unverbrüchlich an seiner Ein-China-Politik fest. Die politische Grundlage für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern ist solide. Zum vierten der angemessene Umgang mit Zwistigkeiten. Da China und Deutschland ein unterschiedliches politisches System besitzen, große kulturelle Unterschiede aufweisen und sich auf einem unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsstand befinden, sind Streitigkeiten nahezu unvermeidlich. Wichtig ist, dass wir bei der Schlichtung solcher Streitigkeiten beide auf den Dialog setzen, über die Ausweitung der Zusammenarbeit Streitigkeiten minimieren und zum gegenseitigen Vorteil eine gemeinsame Gewinnsituation schaffen. Es ist dann kein Problem denkbar, dass nicht im Dialog gelöst werden könnte. Wo ein Wille ist, findet sich auch der Weg zu einer Lösung. China und Deutschland können geradezu zu einem Modell für die Zusammenarbeit zwischen Ländern unterschiedlicher Systeme werden.

Meine verehrten Damen und Herren!
Ich habe lange gegrübelt, was ich als Zeuge von 45 Jahren Entwicklung in den chinesisch-deutschen Beziehungen und als Botschafter in Deutschland anlässlich eines solch wichtigen Datums wohl tun könne. Wir haben speziell zu diesem Anlass den Band „Interviews zum 45. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und Deutschland" herausgebracht, in dem 21 namhafte Zeitzeugen und Mitgestalter der chinesisch-deutschen Beziehungen aus unterschiedlichen Bereichen, darunter der frühere deutsche Bundeskanzler Schröder sowie Botschafter Wang Shu, ihre persönlichen Erfahrungen und Empfindungen aus diesen 45 Jahren vermitteln. Bei diesen Persönlichkeiten handelt es sich um hohe Regierungsbeamte, Wirtschaftsgrößen und Kulturschaffende, aber auch um ganz normale Zeitgenossen. Ich danke Frau Chen Tao für ihren unermüdlichen Einsatz für dieses Buch sowie die finanzielle Unterstützung. Wir haben den Band speziell von Peking einfliegen lassen, damit Sie ihn heute kennenlernen können und damit wir alle die Erfahrungen und Empfindungen derjenigen teilen können, die in 45 Jahren Zeugen der Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen waren.

Meine Damen und Herren! Am vorigen Sonntag haben in Deutschland die Wahlen zum 19. Deutschen Bundestag stattgefunden. Wir verfolgen aufmerksam die anstehenden Koalitionsverhandlungen. Die chinesische Seite erwartet, mit der neuen deutschen Regierung die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit fortzusetzen. Ich bin zuversichtlich, dass ungeachtet der farblichen Zusammensetzung einer neuen Regierung durchweg bei allen Parteien des Bundestages Konsens darüber besteht, die Beziehungen einer freundschaftlichen Zusammenarbeit zu entwickeln und auszubauen. Angesichts der instabilen Weltlage kommt es mehr denn je auf eine Stärkung der umfassenden strategischen Partnerschaft an. Ich setze große Hoffnungen auf die künftigen chinesisch-deutschen Beziehungen. Lassen Sie uns am Ende gemeinsam die Gläser erheben und auf die chinesisch-deutsche Freundschaft, auf das Blühen und Gedeihen unserer beiden Länder China und Deutschland sowie auf Frieden, Stabilität und Entwicklung in der Welt trinken!
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