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Rede auf dem Abschiedsempfang von Botschafter Shi Mingde
2019/02/27

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Michaelis!

Sehr geehrte Gäste! Liebe Freunde!

Meine Damen und Herren!

In diesem Saal habe ich zahllose Empfänge zu den verschiedensten Anlässen gegeben, viele Freundschaften geschlossen und zahlreiche unvergessliche Momente erlebt. Der heutige Empfang ist für mich persönlich jedoch zweifellos von ganz besonderer Bedeutung. Es handelt sich um den letzten Empfang, den ich als amtierender Botschafter gebe, und wenn ich Bild für Bild die Vergangenheit an meinem geistigen Auge vorüberziehen lasse, steigen die unterschiedlichsten Gefühle in mir auf.

Im Augenblick des Abschieds ist das natürlichste Gefühl der stillen Wehmut. Meine Gattin und ich haben mit 9 Jahren angefangen, Deutsch zu lernen. Ich selbst bin mit 17 ins chinesische Außenministerium eingetreten. Als ich 1972 zum ersten Mal nach Deutschland kam, führte die Reise in das damalige Ostberlin. Von den 47 Jahren, die seitdem vergangen sind, habe ich 28 Jahre in Deutschland studiert und gearbeitet, sechseinhalb Jahre davon als Botschafter. Die Zeit in Deutschland hat nicht nur meine Jugend geprägt, sondern vor allem mein Arbeitsleben nachhaltig beeinflusst. Es sind 47 Jahre, in denen die Welt, China und Deutschland grundlegend verändert haben. Im Laufe der Zeit habe ich ein immer tieferes Gespür für die deutsche Sprache, Literatur, Kunst und Kultur mit ihren Sitten und Gebräuchen entwickelt. Zugleich habe ich Ereignisse persönlich erlebt, die für die Entwicklung Deutschlands von historischer Tragweite waren, und bin Zeuge der Wiedervereinigung Deutschlands, des Umzugs der Hauptstadt von Bonn nach Berlin sowie der Einführung des Euro geworden. Wenn ich mit chinesischen Freunden über Deutschland spreche, sage ich oft verallgemeinernd, Deutschland sei das Land der Philosophen, der Wissenschaftler und der Musiker, und nicht umsonst werde Made in Germany für seine hervorragende Qualität, seine ausgefeilte Technik und seine hohe Innovationskraft gerühmt. Doch in Wahrheit ist es eigentlich unmöglich, alle Facetten der deutschen Gesellschaft in ein paar Schlagworte zu fassen. Ein Schriftsteller hat das einmal folgendermaßen ausgedrückt: Wenn du irgendwo eine Woche gelebt hast, kannst du einen Reisebericht schreiben. Wenn es ein Monat war, kannst du ein Buch verfassen. Doch wenn du mehrere Jahrzehnte irgendwo gelebt hast, lässt du entmutigt den Stift sinken und gibst auf. Besonders während meiner Zeit als Botschafter, in der ich kreuz und quer durch die 16 Bundesländer gereist bin, habe ich nicht nur Arbeitskontakte zu Vertretern der Politik, Wirtschaft, Kultur und der Medien aufgebaut, sondern bin durch die unterschiedlichsten Straßen und Gassen gestreift und habe vor Ort die Vielfalt und den Reichtum Deutschlands erfahren. Ob während der Aufführung in einem altehrwürdigen Theater oder im frenetischen Jubel eines Fußballstadions, ob bei einem Besuch auf der Berliner Museumsinsel oder auf einer Wanderung durch bewaldete Berge habe ich immer wieder die Begeisterung und die Ernsthaftigkeit in der Lebenseinstellung der Deutschen erfahren.

Im Augenblick des Abschieds empfinde ich jedoch auch eine große Befriedigung. Insgesamt sechseinhalb Jahre habe ich als Botschafter gewirkt. Diese sechseinhalb Jahre verliefen sehr geschäftig und ereignisreich; sie steckten voller Herausforderungen und bargen einen noch viel reicheren Ertrag. Es ist mir eine große Freude zu beobachten, wie die strategische Partnerschaft zwischen China und Deutschland mit tatkräftiger Unterstützung der führenden Politiker unserer zwei Länder und durch die gemeinsamen Anstrengungen beider Seiten unablässig an Qualität gewinnt. In diesem Zeitraum hat der Staatspräsident Xi Jinping Deutschland zwei Staatsbesuche abgestattet, und die Bundespräsidenten Gauck und Steinmeier haben nacheinander China besucht. Ministerpräsident Li Keqiang ist viermal nach Deutschland gekommen, und Bundeskanzlerin Merkel war sechsmal in China. Die Regierungschefs beider Länder haben außerdem fünf chinesisch-deutsche Regierungskonsultationen abgehalten und die Inhalte der chinesisch-deutschen Zusammenarbeit ständig ausgebaut. In den letzten Jahren haben beide Seiten zudem Mechanismen wie den hochrangigen Finanzdialog, den Dialog über Außen- und Sicherheitsstrategie, den hochrangigen Dialog zum Kulturaustausch sowie den hochrangigen Sicherheitsdialog eingerichtet. Die mehr als 70 derartigen bilateralen Dialoge und Konsultationen lieferten den Anstoß und die Absicherung für die anhaltende Zusammenarbeit auf allen möglichen Gebieten. Deutschland hat über 43 Jahre hinweg seine Position als Chinas größter Handelspartner in Europa behauptet, und China ist im Jahre 2017, also drei Jahre in Folge zu Deutschlands weltweit größtem Handelspartner aufgestiegen. Dass im gerade abgelaufenen Jahr 2018 das bilaterale Handelsvolumen zwischen China und Deutschland die Marke von 200 Mrd. Euro durchbrochen und Deutschland in China 500 neue Investitionsprojekte angeschoben hat, belegt eindrücklich, dass die bilaterale Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil ein historisch hohes Niveau erreicht hat. Vor dem Hintergrund der verstärkten technischen Revolution und des zunehmenden industriellen Umbruchs zeichnen sich Digitalisierung, künstliche Intelligenz (KI), Autos mit neuen Energien und autonomes Fahren allmählich als neue Betätigungsfelder einer innovativen Zusammenarbeit ab. Noch wichtiger jedoch ist, dass China und Deutschland angesichts einer immer stärker werdenden Unsicherheit in den internationalen Beziehungen entschlossen für Multilateralismus und Freihandel eintreten, am Aufbau einer offenen Weltwirtschaft mitwirken, Unilateralismus und Protektionismus bekämpfen und durch die Kontinuität der chinesisch-deutschen Zusammenarbeit zur Stabilisierung des Friedens, der Entwicklung und des Wohlstands in der Welt beitragen. Ich bin stolz darauf, dass ich die bilateralen Beziehungen und Zusammenarbeit nicht nur miterlebt, sondern auch mitgestaltet habe.

Im Augenblick des Abschieds möchte ich Ihnen allen ein Wort des Dankes sagen. Ganz gleich, ob ich von all den Persönlichkeiten und Freunden aus der deutschen Regierung, aus den Parteien, aus dem Bundestag, aus der Wirtschaft, aus den Denkfabriken und aus den Medien oder von den in Deutschland akkreditierten Diplomatenkollegen der einzelnen Ländern spreche, ob ich die große Menge der Landsleute, die nach Deutschland gereist kommen, die chinesischen Studenten und Studentinnen in Deutschland oder die chinesischen Unternehmer hier im Lande nehme, Sie alle wirken – ob heute hier anwesend oder nicht – als die Triebkräfte und Brückenköpfe der chinesisch-deutschen Zusammenarbeit und Freundschaft und haben sich um die stabile, gesunde Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen verdient gemacht. Ihnen allen darf ich aus tiefem Herzen meinen Dank aussprechen. Dieser Dank gilt sowohl für die Unterstützung und Hilfe, die Sie mir persönlich haben angedeihen lassen, als auch für das Interesse und die Teilhabe an der Arbeit der Botschaft und all die konstruktiven und wertvollen Beiträge, die Sie für die chinesisch-deutschen Beziehungen geleistet haben. Ich bin sicher, dass unserer Freundschaft Dauer beschieden sein wird! Besonders bedanken möchte ich mich bei den Kollegen der Botschaft für den jahrelangen, unermüdlichen Einsatz an meiner Seite. Dass ich über eine solche Mannschaft voller hoher Ideale und selbstloser Hingabe gebiete, stimmt mich stolz. Anerkennung und Respekt gebühren jedem einzelner meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Meine Damen und Herren! Liebe Freunde!

Meine Gattin und ich machen uns nun bald auf den Weg zurück in die Heimat, doch die Jahre der Arbeit, des Studiums und des Lebens in Deutschland bleiben unauslöschlich in unser Gedächtnis eingegraben. Jedem einzelnen unserer Freunde bleiben wir in Dankbarkeit verbunden. Ganz gleich, wo wir uns befinden, gelten unsere besten und aufrichtigsten Wünsche dem Glück und der Gesundheit unserer Freunde, dem Fortschritt in der Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen sowie der Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern. Noch einmal danke ich Ihnen allen von ganzem Herzen und hoffe für die Zukunft auf eine Gelegenheit des Wiedersehens. Zudem darf ich der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass Sie meinem Nachfolger dieselbe Unterstützung zukommen lassen, die Sie auch mir gewährt haben.

Meine Damen und Herren,

Heute in drei Tagen treten meine Frau und ich die Heimreise an, damit fangen wir einen neuen Lebensabschnitt an. Wie Hermann Hesse sagt, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir wünschen uns, dass wir Sie in unserem neuen Lebensabschnitt entweder in Berlin oder in Peking wiedersehen!

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