| China soll sich als Schwellenland positionieren | ||
| (2010-09-02) | ||
Chinas Wirtschaft ist größer als die Japans. Gemessen am Pro-Kopf-Inlandsprodukt aber zählt China zu den Entwicklungsländern. Es gibt noch mindestens 15 Millionen Menschen in China, die unter der von der UN definierten Armutsgrenze leben. Wie soll sich China in Zukunft auf der internationalen Bühne positionieren? In welchem Umfang soll China Verantwortung in der Welt übernehmen? Welchen Weg soll die chinesische Politik einschlagen? Die chinesische Tageszeitung Cankao Xiaoxi hat Professor Gu Xuewu gefragt, Inhaber des Lehrstuhl für Politische Wissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen und Direktor des Center for Global Studies an der Ruhr-Universität Bochum.
Cankao Xiaoxi: Chinas Bruttoinlandsprodukt ist nun größer als das Japans. Damit ist das Land zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen, eine Meldung, die für Aufsehen sorgt. Wie sehen Sie die Zukunft Chinas? Gu Xuewu: China sollte Verständnis haben für die Reaktion der Welt - besonders die der etablierten Industriestaaten - auf diese Nachricht. Denn es bedeutet nichts anderes, als dass China innerhalb der letzten zehn Jahre die traditionellen Industrieländer übertroffen hat, jetzt erwirtschaften nur noch die USA ein größeres Bruttoinlandsprodukt als China. Es ist natürlich, dass dies Unbehagen hervorruft. Trotz des niedrigen Pro-Kopf-Bruttoinlandsproduktes Chinas, das weniger als ein Zehntel des deutschen Pro-Kopf-Inlandsproduktes beträgt, meint man doch meist die Gesamtwirtschaftsleistung eines Landes, wenn man von seiner Wirtschaftskraft spricht. Wenn man die Vereinigten Staaten als das stärkste Land der Welt bezeichnet, werden auch nicht die Bettler in New York erwähnt.
Mit der raschen Entwicklung der chinesischen Wirtschaft wächst Chinas Einfluss in der Welt. Worauf setzt China in gegenwärtiger Lage? Gu Xuewu: China kann sich nicht länger als Entwicklungsland darstellen. In der europäischen Vorstellung ist ein Entwicklungsland ein armes und rückständiges Land. Die chinesische Volkswirtschaft wächst von Tag zu Tag. Es gibt bereits viele wirtschaftlich entwickelte Gebiete wie das Jangste-Delta und das Perlfluss-Delta. Auch die Städte zweiter Ordnung sind hochgradig modernisiert. Diese Tatsachen lassen sich nicht mit dem üblichen Begriff eines Entwicklungslandes zur Deckung bringen. Im Grunde ist China zwar noch immer ein Entwicklungsland, aber dies ständig zu betonen, ist sehr unklug. Wenn China alle nur erdenklichen Anstrengungen unternähme, um sich als Entwicklungsland darzustellen, würde dies vielfach als Lüge empfunden werden, als ein Vorwand, um weiterhin Hilfe aus dem Ausland zu beziehen und sich internationaler Verantwortung zu entziehen. Um dieses Problem zu lösen, sollte sich China als großes Schwellenland positionieren. Weil China über ein großes Territorium verfügt, braucht es noch geraume Zeit, um diesen Status zu erreichen. Aber wegen der gewichtigen Rolle, die China schon heute in der Welt spielt, birgt dieser Wechsel auch große Risiken. Jede Bewegung in Richtung Veränderung wird nicht nur Auswirkungen auf China selbst, sondern auch auf den Rest der Welt haben. Dennoch ist es viel sinnvoller und wird sich mittelfristig auszahlen, wenn China gegenüber der Welt den Status eines Schwellenlandes einnimmt, anstatt in unrealistischer Weise darauf zu beharren, ein Entwicklungsland sein zu wollen.
Der Westen hat große Angst vor einer raschen Wirtschaftsentwicklung Chinas. Wodurch kann die Volksrepublik ihren Versuch, den Nutzen des Landes zu mehren, angemessen zum Ausdruck bringen, ohne Ängste zu provozieren? Gu Xuewu: Den Begriff „Angst" halte ich in diesem Zusammenhang für übertrieben. Sorge und Unruhe trifft es wohl besser. Die Ursache hierfür: Die westlichen Länder wissen nicht, ob der Aufstieg Chinas für sie Segen oder Fluch ist. China hat durch seine Gesellschaftsform des Sozialismus chinesischer Prägung eine Hochkonjunktur seiner Wirtschaft eingeleitet. Die Konjunktur ist noch nicht abgeklungen. Deshalb muss die Volksrepublik sorgfältig erwägen, wie sie ihren Nutzen definiert und welche Mittel sie zu seiner Verwirklichung wählt. China kann der Welt die Wahrheit sagen, dass der Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung noch nicht abgeschlossen ist. Die drei Hauptsäulen des Staatsgebildes, nämlich das Territorium, die Bevölkerung und das politische System, weisen noch Mängel auf: Das Territorium ist noch nicht vereinigt. Die nationale Identität der Bürger ist nicht gefestigt. Das politische System, das Gesundheitssystem sowie das Sozial- und Lohnsystem sind noch nicht ausreichend ausgebaut. Hier muss China schon in eigenem Interesse dringend Abhilfe schaffen. Wenn China die eigenen Probleme klar benennt, kann dies sehr dazu beitragen, die Bedenken der Welt gegenüber der Politik Chinas zu zerstreuen.
Welche internationalen Verpflichtungen soll China übernehmen? Die wichtigste Verantwortung Chinas liegt in der Aufrechterhaltung von Stabilität und Prosperität im asiatisch-pazifischen Raum. China muss sich dieser Aufgabe gewachsen zeigen. Wenn es diese Aufgabe nicht bewältigen kann, ist eine Übernahme von Verantwortung in anderen Weltregionen reine Utopie. Jetzt hat China ein höheres Wirtschaftsvolumen erlangt, deshalb sollte das Land ohne Bedenken im Asien-Pazifik-Raum die Vorreiterrolle übernehmen. Aber als führende Macht der Region muss China auch bereit sein, den Preis dafür zu zahlen. China muss die Interessen und die Forderungen seiner Nachbarländer berücksichtigen. Wenn China seine Interessen und Ansprüche definiert, muss es im Auge behalten, dass seine Politik mit den Kerninteressen seiner Nachbarn zu vereinbaren ist.
Wie kann China sich von einem wirtschaftlich großen Land in ein wirtschaftlich starkes Land verwandeln? Größe ist ein Bestandteil von Stärke. Schon heute ist China ein starkes Land, jede politische und wirtschaftliche Entscheidung, die in der Volksrepublik China gefällt wird, kann die Weltwirtschaft nachhaltig beeinflussen. Natürlich sagen manche, dass die Kraft Chinas vor allem aus der Zahl seiner Einwohner und der Größe und geographischen Lage des Landes herrührt, kaum aber auf anderen Eigenschaften beruht. Diese Meinung ist zutreffend. Es bedarf noch mehr, bis China wirklich ein starkes Land sein wird. Man sollte denjenigen misstrauen, die von der „gelben Gefahr" sprechen, also von einem politisch und wirtschaftlich übermächtigen China. Derzeit gibt es für den Westen auch gar keine Möglichkeit, dieser angeblichen Bedrohung entgegenzuwirken: Die USA leiden unter ihrer Schuldenlast, die japanische Wirtschaft kommt nicht voran, der europäische Einigungsprozess ist ins Stocken geraten. Eigentlich ist der Hauptgegner einer Entwicklung Chinas China selbst. Deshalb sehe ich als vordringliche Aufgaben der chinesischen Politik in den kommenden zehn Jahren, die politische Ordnung zu konsolidieren, das Leben der Bevölkerung zu verbessern, Gerechtigkeit zu fördern und dem Pfad der Tugend zu folgen. | ||
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