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Meissner Porzellan am chinesischen Markt interessiert
2009/02/06

Europas älteste Porzellanmanufaktur möchte durch neue Produkte Luxuskunden für sich gewinnen. Die deutsche Firma Meissen will sich dabei besonders auf den asiatischen Markt konzentrieren.

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Der Künstler Christoph Trommer halt einen Kupferstich aus dem Jahr 1743 von J. E. Ridinger

Nach dreihundert Jahren barocker Porzellanherstellung für französische Könige und Russische Zaren startete die Porzellanmanufaktur Meissen eine firmeninterne Umstrukturierung, um der weltweiten Finanzkrise zu begegnen. Unter der Leitung vom 39-jährigen Christian Kurtzek, dem neuen Manager, verfolgt Europas ältester Porzellanhersteller neue Strategien, um sich auf dem Markt als Luxusmarke gegen Mitbewerber wie Louis Vuitton und Bulgari zu positionieren.

Die Probleme wurden vor kurzem offensichtlich, als der irische Porzellanhersteller Waterford Wedgwood Insolvenz anmelden musste und seinen deutschen Ableger Rosenthal mit sich riss. "300 Jahre lang stand der Name Meissen für kunstvollen Luxus. Heute wollen wir Deutschlands Luxusmarke Nummer eins werden" sagt Kurtzke, ehemals Manager bei der Boston Consulting Group, welche die Führung der staatlichen Porzellanmanufaktur Meissen vor vier Monaten übernommen hatte.

Er will die im Südosten Sachsens gelegene Manufaktur neu auf dem Markt positionieren, unter anderem durch besondere Angebote, vor allem für junge potentielle Käufer. Anstelle von typisch deutschem Essgeschirr für Schweinebraten und Wildgulasch wird es Porzellan für Sushi und Pasta geben. Kurtzke weiß, dass es nicht einfach wird. Die Londoner Bernstein Research geht davon aus, dass der weltweite Luxusmarkt 2009 um 10 Prozent oder mehr einbrechen wird. Wie seine Kontrahenten musste auch die Meissner Manufaktur einen Umsatzeinbruch von etwa 15 Prozent im vergangenen Quartal verkraften.

"Die Wirtschaftskrise wird uns treffen. Aber unser Ziel ist es, dem mit neuen Anstrengungen entgegenzuwirken und unsere Verkäufe anzukurbeln" sagt der lebhaft wirkende Kurtzke, dessen modisch-eleganter Anzug mit auffallender malvenfarbener Krawatte nicht ganz zum traditionellen Meissner Stil passen will.

Immer ein Auge auf den italienischen und den chinesischen Markt, will Kurtzke Meissen als stärkere Marke bei Uhren, Schmuck, Schreibwerkzeug und Inneneinrichtung positionieren, manchmal mit Partnern wie dem deutschen Uhrenmacher Glashütte oder dem Stiftehersteller Mont Blanc, der zu den Schweizern Richemont gehört. Auch wenn man die Schönheitslehre außer Acht lässt, hat der Porzellanwert eine große Anziehungskraft. "Aktien und Geld verlieren ihren Wert, Porzellan nicht. Es hat immer einen gewissen Wertstandard und kann sogar als Währung benutzt werden" sagt der in Kiel ansässige Porzellangutachter Hans Benemann.

Die DDR-Führung, welche sich Meissen nach dem Zweiten Weltkrieg einverleibte, beschaffte sich im Kalten Krieg harte Devisen durch den Verkauf von Meissner Porzellan an den Westen. Es existiert sogar das Gerücht, dass der amerikanische Rocksänger Bruce Springsteen für ein Konzert in Ostberlin im Jahr 1988 teilweise mit Meissner Porzellan bezahlt wurde. Experten sind für eine Modernisierung, warnen Meissen jedoch vor einer Verwässerung durch zu viele Zweigstellen. "Man muss modernisieren, aber nicht unbedingt bei der Herstellung. Ich wäre mit solchen Ideen extrem Vorsichtig und würde mich eher auf internationale Expansion konzentrieren und nicht auf neue Produkte", sagt Benemann.

Die Marke Meissen steht definitiv in Kurtzkes Gunst, da es die Geburt von europäischem Porzellan verkörpert. Seine Wurzeln liegen in der Alchemie: Im Jahr 1705 hat Johann Friedrich Böttger während seiner Gefangenschaft im Kerker der gotischen Albrechtsburg das Geheimnis von weißem Porzellan entdeckt. Eigentlich hatte er für den verschwenderischen Herrscher August dem Starken Gold machen sollen. Zwei Jahre später baute August die Burg zu einer Fabrik um und Europas erste Porzellanmanufaktur war geboren. Teller mit blau-weißem Zwiebelmuster, barocke Vasen und aufwändige Tier- und Menschenfiguren ernteten Beifall und Meissens gekreuzte Schwerter, eines der ältesten Markenzeichen Europas, zierte bald die Tafeln des europäischen Adels.

In den vergangenen Jahren stiegen die Exporte kontinuierlich an und machen mittlerweile die Hälfte der Umsätze aus. Eine starke Nachfrage nach Meissner Porzellan kommt unter anderem aus Japan, China und Russland. Wer heutzutage die Fabrik mit ihren roten Backsteinen in der malerischen und von bewaldeten Hügeln umgebene Mittelalterstadt besucht, fühlt sich in der Zeit zurückversetzt. Da sieht man, wie Porzellanformer eine graue Tinktur aus Kupferkannen schütten, Porzellanmaler an hölzernen Tischen sitzen und ihre Farben auf Paletten mit winzigen Pinseln mischen.

Die Qualität ist so fein, dass alte Stücke einen hohen Preis erzielen und eine große Anhängerschaft von Sammlern haben. "Die Menschen wollen die beste Qualität und die bietet Meissen", sagt Phillip Howell, der Leiter der europäischen Keramikabteilung beim Auktionshaus Sotheby’s. "Einige Figuren sind wie kleine Skulpturen: Sie sind dreidimensional, in welche Richtung sie auch gedreht werden, sie funktionieren." Der stabile Keramikmarkt bietet im Gegensatz zum fluktuierenden Markt für moderne Kunst eine gewisse Sicherheit, sagt Howell. Meissens Antiquitäten machen sich immer noch gut bei Auktionen und konkurrieren mit französischen Sevres und britischem Chelsea. Ein buntes Harlekinfigürchen, etwa aus dem Jahr 1740, brachte kürzlich 400.000 britische Pfund ein (600.000 Euro), fast zehnmal so viel, wie geschätzt, berichtet Howell.

Einige Deutsche hatten während des Zweiten Weltkrieges ihr Meissner Porzellan vergraben, um es später verkaufen zu können. Sie hatten den langfristigen Wert erkannt. Andererseits kaufen viele Sammler das wertvolle Porzellan einfach, um es zu genießen. Sammler Dietrich von der Heyden aus Moritzburg besitzt mehrere Hundert Stücke aus Meissner Porzellan. "Ich esse von diesen Tellern, Essen schmeckt nicht gut, wenn es nicht auch gut serviert wird."

Nichts desto trotz steht Kurtzke keiner leichten Prozedur gegenüber, wenn er das Meissner Kunsthandwerk in beträchtlichen Profit verwandeln möchte. "Viele Menschen kennen Meissen nicht. Ich möchte ihnen zeigen, was es bedeutet", sagt Kurtzke, während er Tee aus einer zart dekorierten Porzellantasse schlürft. "Wir werden Menschen erreichen, die Kultur und Kunst genießen und empfänglich für die sinnliche Seite des Lebens sind."

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